Nordisch gesehen

Miss Marple – 16 Uhr 50 ab Paddington oder: Was wir von alten Filmen lernen können

Google+ Pinterest LinkedIn Tumblr

Für die Arbeit Miss Marple gucken? Ich hatte schon schlimmere Aufgaben. Ok, zugegeben: Diese Aufgabe hab ich mir selbst gegeben. Ich möchte gerne „alte Filme“ vorstellen, von denen bestimmt schon jeder gehört hab, die aber fast keiner kennt. Oder vielleicht auch nicht? Da lasse ich mich gerne eines Besseren belehren.

Beginnen möchte ich also mit einer Miss Marple-Verfilmung: 16.50 Uhr ab Paddington. Im Original lautet der Titel Murder She Said. Der Film ist von 1961 und dürfte damit wohl zu den etwas älteren Filmen zählen. Das Buch von Agatha Christie ist 1957 erschienen. Fun Fact: Dessen Originaltitel lautet 4.50 from Paddington. Die Handlung ist allerdings nicht deckungsgleich, deswegen gehe ich da nicht weiter drauf ein.

Eine Melodie für den ganzen Film

Steigen wir also mit dem Film ein. Gleich zu Beginn ertönt die wohl weit bekannte Miss-Marple-Melodie. Selbst wer noch nie eine dieser Verfilmungen gesehen hat, hat vermutlich irgendwann mal diese Melodie gehört. Den ganzen Film über gibt es keine andere Hintergrund-Musik, mit einer Ausnahme. Die Melodie spielt mal schneller, mal langsamer, mal ganz getragen, doch sie ist die einzige Untermalung. Im Laufe des Filmes taucht noch eine kombinierte Puderdose und Spieluhr auf (Wieso gibt es so etwas eigentlich heutzutage nicht mehr?), die Bruder Jakob oder Frère Jaques spielt. Ansonsten kommt der Film mit nur einer Melodie aus. Wird keine Musik gebraucht, herrscht Stille. Oft dienen manche Töne nur als Untermalung, zum Beispiel von Schritten. Es gibt natürlich Hintergrundgeräusch, doch ich finde das sehr faszinierend. Diese sehr reduzierte und denoch pointierte Anwendung von Musik ist etwas, was mir in alten Filmen sehr gefällt.

Und was passiert nun inhaltlich? Nun, gleich am Anfang hat Miss Marple (ihr Vorname ist übrigens Jane) ein Problem, was wohl besonders Kinder und alte Menschen teilen: Man glaubt ihr nicht. Sie beobachtet einen Mord. Eine junge Frau wird in einem voreifahrenden Zug erwürgt. Das Problem: Miss Marple hat gerade noch einen Kriminalroman gelesen. Ob sie dann nicht wohl eher geträumt hätte, fragen sich Schaffner und Polizei? Das lässt Miss Marple natürlich nicht auf sich sitzen. Sie untersucht und forscht und findet den möglichen Ablageort der Leiche (der Tatort ist ja längst bekannt). Dabei wird sie wie immer tatkräftig unterstützt von ihrem, nun, sagen wir mal guten Freund Mr. Jim Stringer. Obwohl die beiden sich sehr gut verstehen und er sich sehr um sie sorgt, nennen sich die beiden übrigens nie beim Vornamen. Und irgendwie passt es ganz wunderbar.

Undercover à la Miss Marple

Aber für die Hobbydetektivin heißt es nun erst einmal: undercover gehen. So nennt sie es natürlich nicht. Aber sie informiert sich, wie sie in dem Haus unterkommt, auf dessen Grundstück die Leiche gelandet sein könnte. Da trifft sich gut, dass die Familie eine Hauswirtschafterin sucht. Also geht sie zum Arbeitsvermittler und wird hofiert, denn: So viele Hauswirtschafterinnen gibt es nicht und der Job sei ja auch vom Aussterben bedroht. Fallen solche Sätze ist einem fast 60 Jahre alten Film, muss zumindest ich sehr schmunzeln. Und es zeigt, dass die Zeit schon immer im Wandel ist und nicht erst seit gestern. Also keine Panik Leute, nur weil sich was ändert, muss nicht alles zugrunde gehen. Den Beruf Hauswirtschafter*in gibt es übrigens immer noch, die Arbeitsorte haben sich allerdings etwas von den großen Herrenhäusern weg bewegt.

Miss Marple begibt sich mit ihrer Undercover-Mission in eine nicht ganz ungefährliche Situation. Die alte Dame kann aber ganz schön rabiat sein und wirft auch mal eine Vase nach potentiellen Bösewichten. Der stellt sich im Nachhinein als ein neunmalkluger Junge heraus, der gern Streiche spielt. Zwischendurch trifft sie sich immer wieder mit Mr. Stringer, beratschlagt sich mit ihm und hält ihn auf dem Laufenden.

Und auch wenn der Film größtenteils recht unschuldig ist, ein, zwei zweideutige Anspielungen gibt es dennoch, etwa, wenn der Junge die Familienkonstellationen aufzählt, von seinem Onkel und einem Model erzählt. Den letzten Teil des Satzes flüstert er Miss Marple dann ins Ohr und die Reaktion „Aber Alexander!“ zeigt ausreichend, in welche Richtung der Kommentar ging.

Ein weiteres Beispiel, warum alte Filme Spaß machen und auch zum Nachdenken anregen können. Alexander: „Wir hatten noch nie eine Wirtschafterin, die hilft.“ Miss Marple: „Wir leben im Zeitalter der Gleichberechtigung der Frau.“ Der Film hat schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel und dennoch ist das nicht ganz durchgedrungen.

Als nicht so ganz ernstes Beispiel: Auch in dem Film hieß es schon „Du siehst zu viel fern“.

Selbstironie lässt grüßen

Der Film hat, wie auch andere Miss-Marple-Verfilmungen, eine ganze Menge Selbstironie zu bieten (Vorsicht, in diesem und dem nächsten Absatz verstecken sich nun ganz kleine SPOILER): So geht es anfangs kurz um ein Buch, dessen Ende die Detektivin vorhersagt mit den Worten: „Ach, in den Büchern geht es doch immer um das Gleiche, Erbschleicherei.“ Die geneigten Leser*innen dürfen nun einmal raten, was auch im Film als Motiv für den Mord im Raum steht.

Zwischendurch erleiden sämtliche Personen, die sich im Haus aufhalten, eine Vergiftung, bis auf Miss Marple. Bei den Überlegungen, wo das herkommt, wird einmal das Essen durchgegangen. Könnte das Gift in der Suppe gewesen sein?  Nein, da habe sie selbst von gegessen. Vielleicht die Torte? „Ich muss gestehen, ich hatte selbst zwei Stücke. Torten sind meine Spezialität.“ Und der Curry-Reis? „Nein“, (klopft sich auf den Bauch) „Reis macht dick.“ Das zeigt auch, dass Kohlenhydrate schon vor langer Zeit einen nicht so guten Ruf hatten. Es handelte sich übrigens um eine Arsenvergiftung. Ein schönes Beispiel für die herrlich altmodischen Stellen des Films.

Zeitloser Spaß

Der ausgefuchsten Dame beim Ermitteln zuzusehen, ist eine herrliche Freude. Der Film ist nicht zu hektisch und trotzdem spannend (mich hat das Ende zumindest sehr überrascht). Also setzt das Teewasser auf, sucht euer Strickzeug und macht euch einen gemütlichen Abend mit einem wunderbar kurzweiligen Miss-Marple-Film.

Manuela Wolbers

Geboren und aufgewachsen im Emsland. Zum Studium zog's mich hinaus in die weite Welt: Zuerst nach Göttingen, zum Kulturanthropologie- und Politikstudium und dann weiter nach Marburg zum Geschichtsstudium. Unterwegs kamen zur quasi angeborenen Liebe zum Lesen (besonders Harry Potter), Schreiben und Inlinern noch die Liebe zum Hula Hoop, Häkeln, Stricken, Nähen und für Doctor Who dazu. Ein paar Jahre in immer bergigerem Land haben mich das Flachland vermissen lassen. Seit Oktober 2017 kann ich endlich meiner Leidenschaft frönen und das im schönen Nordwesten.

Schreibe einen Kommentar