Nordisch leben

„Ich möchte nicht auf mein Aussehen reduziert werden“

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Semiha Sert ist in Delmenhorst geboren und hat sich vor fünf Jahren für das Kopftuchtragen entschieden. Was sie dazu bewegt hat, und wie ihre persönlichen Erfahrungen im Alltag sind, hat sie im Gespräch mit klarnordisch erzählt.

Semiha Sert hat diese Woche ihre Koffer gepackt. Sie zieht am Montag nach Hamburg, wo sie ein Duales Studium zur Diplomfinanzwirtin beginnt. Ab Montag wird sich ihr Leben komplett verändern. Was ihr beim Packen besonders schwerfiel: sich zwischen den unzähligen Kopftüchern zu entscheiden, die unbedingt mit in den Koffer müssen. Davon hat die 18-Jährige zwei Schubladen voll – in allen Farben, Größen und Stoffen.

Die junge Muslimin aus Delmenhorst, die in diesem Jahr ihr Abitur am Max-Planck-Gymnasium in Delmenhorst absolviert hat, entschied sich vor fünf Jahren dazu, ein Kopftuch zu tragen. Ihre Eltern kommen aus der Türkei. Der Vater ist 1979 aus der Türkei nach Deutschland gekommen, ihre Mutter zehn Jahre später. Semiha selbst ist als eines von fünf Kindern in Delmenhorst geboren. Ihre große Schwester war es, die sie zum Kopftuchtragen inspiriert hat.

In der Schule war das Kopftuch kein Problem

Im Islam sei es eine Pflicht für jede Frau, mit Beginn der Pubertät ein Kopftuch zu tragen, erklärt Semiha. „Es gibt aber keinen Zwang. Man fängt an, es zu tragen, wenn man sich bereit dazu fühlt, aus Überzeugung“, sagt sie. Als ihre große Schwester vorhatte zu heiraten, teilte diese ihrer Familie mit, sie werde von da an ein Kopftuch tragen. Diese Gelegenheit wollte Semiha nutzten und tat es ihr gleich. Im Alter von 13 Jahren – auf der Hochzeit ihrer Schwester – präsentiere sie sich zum ersten Mal bedeckt. Viele gratulierten ihr, andere hätten es schade gefunden, erzählt Semiha – wegen der schönen Haare. Zuvor hatte sie mit ihren Mitschülern in der Schule offen über ihre Pläne gesprochen, um sie darauf vorzubereiten. Ihre Schulklasse nahm die Entscheidung positiv auf.

Ich mag es hell und kontrastreich – da tobe ich mich mit den Farben aus.

Semiha trägt ihr Kopftuch aus religiöser Überzeugung. Sie lebt auf diesem Weg ihren Glauben aus. „Ich fühle mich damit beschützt. Es gehört zu mir – und es macht mich aus.“ Zudem werde die Pflicht zum Kopftuchtragen im Koran überliefert. Frauen verhüllten sich demnach – so Semiha – um ihre Reize zu verbergen, damit sie vor den Blicken der Männer geschützt seien. Ein gesellschaftliches Streitthema. Denn viele Menschen kritisieren diese Verhüllungspflicht, weil sie darin lediglich eine Unterdrückung der Frau sehen. Für Semiha ist das nicht so: „Ich möchte nicht auf mein Aussehen reduziert werden.“

Kopftuch und Outfit kombinieren

Deshalb gehöre zum Kopftuchtragen eben nicht nur das Kopftuch, sondern auch die Körperbedeckung, eingeschlossen sind der Hals und die Arme. Die Kombination aus Kopftuch und bauchfrei käme für Semiha also nicht infrage – in dieser Hinsicht bleibt sie traditionell. Trotzdem will sie „mit der Zeit gehen“ und kleidet sich modern: Zur blau-weißen Kopfbedeckung kombiniert sie ein elegantes beiges Strickkleid und schwarze Herbstboots. Wie andere Frauen passt sie ihre Kleidung dem Anlass an, wie andere Frauen sucht sie sich die geeigneten Schuhe aus dem Regal. Nur stellt sich für sie eben nicht die Frage nach der passenden Frisur, sondern dem Kopftuch. „Ich mag es hell und kontrastreich – da tobe ich mich mit den Farben aus“, erzählt sie. Helle Töne und kontrastreiche Tücher sind ihre Favoriten. Es mache ihr Spaß, mit der Kombination aus Kopftüchern und dem Outfit zu spielen.

Ich möchte schon Face to Face mit Menschen reden können. Gestik und Mimik sind schließlich sehr wichtig, um miteinander in Kontakt zu kommen.

Sobald Semiha aus dem Haus geht, wickelt sie es um. Zwei Minuten braucht sie dafür, dann sitzt es fest auf der Stirn – sodass selbst Radfahren kein Problem ist. Zu Hause, im Kreise der Familie, legt sie es ab. Hijab nennt es sich übrigens. Das erlaubt, Hände und Gesicht zu zeigen, erklärt die 18-Jährige: „Ich möchte schon Face to Face mit Menschen reden können. Gestik und Mimik sind schließlich sehr wichtig, um miteinander in Kontakt zu kommen.“

„Ich fühle mich wohl und ich bin glücklich“

In der Schule und im Alltag hat sie kaum negative Erfahrungen wegen ihres Kopftuches gemacht, hat ganz selbstverständlich auch christliche Freunde. Da macht sie keine Unterschiede. Klar, hier und da fällt ein dummer Spruch, einige gucken schief. Aber in solchen Fällen hat die junge Frau genug Selbstbewusstsein, es einfach zu belächeln: „Ich fühle mich wohl und bin glücklich. Dann machen mir solche Leute nichts aus.“ Konstruktive Kritik ja, alles andere ignoriert sie. Mit dem Tragen eines Kopftuches tragen Frauen eben auch ein Stück Persönlichkeit nach Außen. „Man ist eine Repräsentantin des Islam“, beschreibt Semiha – jeden Tag und jede Stunde. Sie sieht darin eine Art Verantwortung: „Das Kopftuch ist mehr als ein Stück Stoff. Es ist wichtig, wie man sich benimmt und wo man sich aufhält.“ In die Diskothek geht die junge Frau nicht. Für einen Freund hat die 18-Jährige sowieso noch keinen Kopf. Erstmal will sie sich auf ihre Ausbildung konzentrieren.

Die Religion hat eine große Bedeutung in Semihas Leben. Sie hat einen guten „Mittelweg“ gefunden, wie sie sagt, ihre Tradition in einem modernen Leben zu bewahren. Damit hat Semiha nicht nur im persönlichen Umfeld überwiegend gute Erfahrungen machen können. Auch beruflich stand ihr das Kopftuch nicht im Weg, beim Bewerbungsgespräch sei es nicht einmal zur Sprache gekommen, freut sich Semiha über die Toleranz ihres zukünftigen Arbeitgebers. Und das zeigt ihr: „Man kann auch mit Kopftuch alles erreichen.“

Nina Janssen

27 Jahre alt, in Friesoythe aufgewachsen und in Oldenburg Wirtschaftswissenschaften studiert.

3 Comments

    • Spricht da der Neid?
      Sehr peinliches und kindisches Verhalten. Sorry, aber hat es nicht mal für einige Worte gereicht?!

  1. das Kopftuch ist eine Beleidigung an die Männerwelt, es ist im höchsten Grade sexistisch. Männer werden darauf reduziert, Frauen nur als Sexpartner zu sehen. Das ist in einer modernen, westlichen Welt, völlig überflüssig. Aber die Erziehung mit dem Koran mach es Frauen eben möglich so zu argumentieren. Grundlage von Sexismus sind sozial geteilte, implizite Geschlechtertheorien bzw. Geschlechtsvorurteile, die von einem ungleichen sozialen Status von Frauen und Männern ausgehen und sich in Geschlechterstereotypen, Affekten und Verhaltensweisen zeigen. Darüber sollten die Kopftuchträgerinnen mal nachdenken.

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