Nordisch unterwegs

Wie ich meine erste Nordwest-Zeitung in den Händen hielt

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Vergangenes Jahr, Ende Mai: Meine Masterarbeit war so gut wie fertig, gleichzeitig befand ich mich auf der Suche nach einer sinnstiftenden beruflichen Zukunft, das Stresslevel war hoch, Urlaub in naher Zukunft unbedingt nötig, aber ich wollte ihn mir nicht so richtig gönnen.

Zwei Freundinnen erkannten die Lage und fragten mich, ob ich nicht Anfang Juli mit ihnen für ein paar Tage an die Nordsee fahren wolle – einfach nur in den Tag hineinleben und entspannen. Es sollte irgendwo in die Nähe von Wilhelmshaven gehen. Eine weitere Freundin von uns war gerade dorthin gezogen, was ausschlaggebend für das Reiseziel „irgendwo an der Nordsee“ war.

Herrliche Unaufgeregtheit am Strand von Dangast.

Die beiden hatten schon eine Ferienwohnung gebucht, ich sagte „ja“ und fragte nicht weiter nach, das heißt, nein, mir wurde wohl gesagt, wir fahren nach Dangast, aber der Name sagte mir nichts, er klang nur irgendwie nach einem Idyll fern von dieser Welt.

Am Tag meiner Abreise nach Hannover – ich wohnte damals vorübergehend in meinem Heimatdorf im Schwarzwald und wir wollten von Hannover aus gemeinsam starten – flatterte ein Brief mit einer Einladung zum Bewerbertag bei der Nordwest-Zeitung Ende des Monats ins Haus. Ich freute mich sehr, nahm mir aber vor, mich erst nach dem Kurzurlaub näher damit auseinanderzusetzen.

Falsch gedacht. Einen Tag später auf der Autobahn mit Kurs auf Dangast sitze ich im Halbschlaf auf der Rückbank, als eine meiner zwei Freundinnen plötzlich ruft: „Hey, Natha, guck mal, da ist Oldenburg! Da hast du dich doch beworben, oder?“ „Ja“, sag ich, und wundere mich, wie mir beim Blick auf die Karte entgangen sein konnte, dass Oldenburg in Wirklichkeit doch weiter im Norden liegt als in meiner Vorstellung. Doch erneut sage ich mir: Jetzt ist erstmal Urlaub und über meine Zukunft denke ich in fünf Tagen wieder nach.

Dann sind wir also in Dangast, und meine Vermutung wird bestätigt:

Dangaster Deichschafe: Streicheln is nicht!

Es ist in der Tat ein Idyll, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, irgendwann in den Neunzigern, vielleicht auch früher – ist auch egal: Die herrliche Unaufgeregtheit tut gut, um den Trubel einer aufgeregten Welt mal kurz zu vergessen.

Wir lassen uns also am Strand den Wind um die Nase wehen, machen eine Mini-Tour durch den Ort und viele Fotos, versuchen auf dem Deich Schafe zu streicheln und scheitern kläglich, essen Fischbrötchen, machen noch mehr Fotos.

Vom legendären Rhabarberkuchen im Kurhaus ist uns damals noch nichts bekannt. Am Strand vor dem Kurhaus wundern wir uns stattdessen über den massiven, gigantischen Phallus und spekulieren über seine künstlerische Bedeutung.

Die Zeit der Skandale scheint vorbei zu sein: Der Dangaster Phallus… äh, Grenzstein!

(Das Kunstwerk wurde vom Künstler Eckart Grenzer „Grenzstein“ getauft und 1984 direkt an der Hochwassergrenze aufgestellt. Das Meer versinnbildliche weibliche Element, das Land das männliche. So komme es durch die Gezeiten am Grenzstein zur Begegnung, oder Umarmung der Geschlechter. Das steht zumindest erklärend auf der Homepage des Kurhaus Dangast. Dort steht auch, dass der Phallus bei seiner Aufstellung 1984 für einen Skandal gesorgt hat. Mittlerweile gibt es in Dangast einen Kräuterlikör namens „Phallus-Schluck“ in entsprechend geformten Flaschen zu kaufen. Der Skandal scheint vergessen zu sein. Aber das nur nebenbei. Und ja, ich habe mir damals als Souvenir eine solche Flasche gekauft.

Wir bewundern die bunten Flaggen, die auf einem Steg direkt daneben überm Watt flattern und sind schon ein bisschen verliebt in Dangast.

Wenn die bunten Fahnen wehen – gleich neben dem ominösen Phallus vor dem Kurhaus .

Und dann passiert es: Wir haben uns für eine Wattwanderung angemeldet, Start ist bei der Kurverwaltung. Es ist noch Zeit, also warten wir, drehen Däumchen und ein natürlicher Reflex lässt mich zur Lokalzeitung, die auf einem Tischchen liegt, greifen. Einer dämlichen Angewohnheit folgend, blättere ich sie von hinten nach vorne durch – und denke plötzlich: „Hoppla!“ Freudig überrascht sage ich zu meinen Freundinnen: „Hey, guckt mal, das ist die Nordwest-Zeitung!“ – „Ach was! Da hast du dich doch beworben, oder?“

Na ja, und das war’s dann auch mit meinem Vorhaben, erst nach dem Nordseeurlaub wieder an mein potenzielles Volontariat bei der NWZ zu denken. Drei Monate später war aus einem potenziellen ein reales Volontariat geworden.

Nach mittlerweile neun Monaten hier im Nordwesten habe ich Dangast übrigens kein einziges Mal wieder besucht. Höchste Zeit also für einen Ausflug in das unaufgeregte Idyll am Jadebusen – und dann auch mit Rhabarberkuchen!

Auf bald in Dangast!
Nathalie Meng

Als Schwarzwaldmädchen geboren, in den vergangenen zehn Jahren jedoch häufig umgezogen, unter anderem nach Berlin, Leipzig, Barcelona. Und nun eben nach Oldenburg. Sagt nach wenigen Monaten im Nordwesten meist schon ganz automatisch "Moin". Mag Schafe, Schiffe und Seefahrerromantik - da kommt ihr die Nähe zum Meer in der neuen Heimat ganz gelegen. Aus ihrer alten Heimat vermisst sie allerdings hin und wieder eine richtige Butterbrezel und hügelige Laufstrecken. Hatte lange Angst vor ihrem dreißigsten Geburtstag. War dann gar nicht so schlimm.

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