Nordisch gesehen

Was das Watt-en-Schlick-Festival so besonders macht

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Festivals sind für Foto-Reporter immer sehr dankbar. Egal ob Hurricane, Deichbrand, Rock am Ring – überall laufen mir verkleidete und enthemmte Menschen vor die Linse. Muskulöse, bärtige Männer im rosa Einhorn-Kostüm, hübsche Frauen mit Penis-Zeichnungen im Gesicht, leicht bekleidete Teenager, die auf selbstgebastelten Pappschildern Musik-Stars ihren Kinderwunsch mitteilen oder der Mama ihr Wohlbefinden zusichern.

Wer auf ein Festival fährt, will oft raus aus dem Alltag, und rein in den Irrsinn. Hamsterrad verlassen, Käfig sprengen, über jede Strenge schlagen. Oft werden auch gemeinhin als für ein friedliches Miteinander unabdingbare Verhaltensregeln und soziale Konventionen am Bändchenzelt abgegeben und sämtliche Hemmungen spätestens mit den ersten drei Dosenbieren ins Dixiklo gespült.

Auffallen um jeden Preis

Wenn das Partyvolk dann mit Gebräu im Gehirn und Glitzer im Gesicht Seifenblasen bläst, Konfetti schmeißt und ekstatisch tanzt, braucht man nur noch mit der Kamera draufhalten. Und selbst, wenn gerade kein wunderschönes oder absurd-bizarres Motiv im ablichtbaren Radius verfügbar ist, brauche ich nicht lange flanieren, dann springen mir schon die nächsten freiwilligen Models vor die Kamera und ziehen fiese Grimassen, verrenken ihre Körper oder lecken ihrem Kumpel zu zweit das Gesicht ab, um mit ihrem wilden Wochenendausflug auch ja im Gedächtnis des Fotografen und später hoffentlich im ewig erinnernden Internet zu landen.

Ein Paradies für Fotografen auf der Suche nach dem nicht-alltäglichen Bild. Man muss meistens wirklich einfach nur draufhalten. Das Motiv macht quasi alle Arbeit.

Das ist auf dem Watt-en-Schlick nicht so.

Keine abgefahrenen Absurditäten

Total ausgefallene Kostüme kommen kaum vor, es schlägt auch keiner über die Strenge. Keine Obszönitäten, keine Übertreibungen. Und es schmeißt sich keiner vor mir in anatomisch fragwürdige Posen und ruft: „Mach mal n Bild von mir – aber meine fünf abgespaceten Homies müssen auch mit drauf!“

Klar, das Watt-en-Schlick hat mit dem Dangaster Strand und dem Meerblick eine tolle Kulisse zu bieten. Aber man möchte ja auch Nahaufnahmen von Menschen haben. Dafür muss man auf dem WES tatsächlich etwas suchen, zumindest im Vergleich zu anderen Festivals. Man muss quasi selber arbeiten. Was aber ja auch nicht schlimm ist – im Gegenteil.

Wer ist eigentlich „Helga“?

Es ist fast ironisch, dass das Watt-en-Schlick mit dem „Helga!“-Award für das beste Festival ausgezeichnet wurde. Das Phänomen, nach dem der Preis benannt wurde, ist das lautstarke und gemeinsame Rufen nach einer fiktiven Helga, das nicht selten in eine Massengrölerei ausartete.  Das würde es auf dem Watt-en-Schlick nicht geben. Dort grölt auch keiner Dö–dö-döt-dö-dö-döö-döö (nach White Stripes – Seven Nation Army). Einzig die allgemeingültigen „Zu-ga-be-„Rufe gibt es, sowie natürlich auch tosenden Applaus und lobende Pfiffe für die guten Bands. Und Texte werden freilich mitgesungen, sofern bekannt.

Natürlich passiert aber auch auf dem Watt-en-Schlick viel, das sich lohnt, im Bild festzuhalten.  Menschen tanzen zur Musik, mal mehr, mal weniger ausgelassen, aber fröhlich und zufrieden. Oder sie spielen im Watt und bewerfen sich mit Schlick. Tolle Motive. Das Problem ist: Ich hatte ein schlechtes Gewissen, da mit der Kamera draufzuhalten. Ich wollte nicht stören.

Ungestörte Urlaubs-Idylle

Klar, auch die Besucher auf dem „WES“ wollen mal Urlaub vom Alltag, Pause vom Pauken, bloß raus aus dem Büro. Aber ich hatte das Gefühl, hier will man eher alles hinter sich lassen, auf eine Art Kultur-Insel abschweifen und sich sonst mit nichts beschäftigen. Ich wollte mit meiner Kamera kein Fenster raus aus dieser Abgeschiedenheit öffnen.  Sondern die Leute in Frieden ihr Festival erleben lassen.

Auf dem Deichbrand und dem Hurricane hatte ich dieses Gefühl auch bei manchen Besuchern – doch das war meist schnell vorbei, weil mir die danebenstehenden Freaks grinsend Finger-Guns zeigten oder mit Hawaii-Ketten und Ananas-Shirt posierten. Da ist es klar, dass man sie nicht stört – sie legen es drauf an, fotografiert und dokumentiert zu werden.

Nicht so beim Watt-en-Schlick. Aber gut, nur weil sich mir die Leute nicht offensichtlich als williges Objekt feilbieten, heißt das natürlich nicht gleich, dass sie was dagegen haben, fotografiert zu werden. Also suche ich mir Motive – und natürlich werde ich auch fündig.

Authentisch und ehrlich

Und die Bilder, die entstehen, sind wirklich klasse. Ich muss zugeben, ich bin kein guter Fotograf. Ich beherrsche mit meiner Spiegelreflex aus dem unteren Preissegment die absoluten Basics, und selbst die sitzen nicht gut drin. Umso mehr freut es mich, wenn mir wirklich tolle Fotos gelingen. Und das auch noch – im Gegensatz zu den gestellten Bildern von Hurricane und Deichbrand – ein bisschen Arbeit und Timing erfordert hat.

Die Bilder sind deshalb so toll, weil sie echt sind. Nicht gestellt, nicht aufgesetzt, sondern authentisch und echt. So wie das ganze Festival. Zu sehen sind echt Menschen ohne Fassade. Kein erzwungenes Gelächter, keine aufgesetzte Freude, sondern ehrliches Lächeln und wahres Glück.

Ich bin als Fotograf immer dankbar für ausgeflippte Festivalbesucher, die mir die abgefahrensten Bildmotive auf dem Silbertablett servieren. Ich bin aber noch dankbarer, wenn ich echte Momente von wirklich glücklichen Menschen einfangen darf.

Mathias Freese

Free, Wilde und im Geiste Young. Best friends with Oscar, Angus und Jack Daniels. Bachelor in "Sport, Erlebnis und Bewegung". Mag intellektuelle Diskussionen über Filme, Serien, psycho- und soziologische Themen zu jeder Tages- und Nachtzeit. Leidenschaftlicher Sportler, spielt trotzdem den Lauch in "Lachs & Lauch".

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