Nordisch unterwegs

Von Bremen in die Millionenstadt: Zwei Auswanderer in Tokyo

Google+ Pinterest LinkedIn Tumblr

Wie ist es, die kleine  Hansestadt Bremen (rund 550.000 Einwohner) gegen die Millionenstadt Tokyo (rund 9,5 Millionen Einwohner) zu tauschen? In einem Land zu wohnen, in dem man die Sprache kaum versteht und in einer Stadt eine Heimat zu finden, die nie zur Ruhe kommt? Da gehört schon eine Menge Mut dazu. Kim Nause-Render (26) und Maximilian (28) Nause haben genau das getan, sie sind nach Tokyo ausgewandert und erzählen, wie es ist, plötzlich in Tokyo zu wohnen und was ihnen besonders an der japanischen Mentalität gefällt.

Millionenstadt: Kim und Maximilian wohnen nahe des Szeneviertels Ginza (Foto: Kim Render)
Millionenstadt: Kim und Maximilian wohnen nahe des Szeneviertels Ginza (Foto: Kim Nause-Render)

Im Moment ist es Sommer in Japan, genau wie in Deutschland. Der japanische Sommer ist aber nichts im Vergleich zu Europa – besonders in Tokyo. Die Hitze und die hohe Luftfeuchtigkeit haben auch Kim bei ihrer ersten Ankunft in Tokyo ziemlich überrumpelt. Im Juni 2016 sind sie und ihr Mann Maximilian nach Japan ausgewandert. Eigentich war geplant, erst 2019 das Abenteuer Ausland zu wagen, erzählt Kim.  „Dann hat Max aber plötzlich das Angebot bekommen, wir mussten uns recht schnell entscheiden.“ Maximilian, der in einem Bremer Unternehmen in der Logistikbranche arbeitet, ist in Tokyo nun stellvertretender Geschäftsführer. Kim arbeitete als Krankenschwester auf der Intensivstation im Klinikum links der Weser.

Von der Hansestadt hinein ins hektische Tokyo

Maximilian und Kim (Foto: Kim Render)
Maximilian und Kim (Foto: Kim Nause-Render)

Maximilian kommt aus Bremen, Kim ist aus Düsseldorf mit ihrer Familie nach Altenoythe gezogen und später alleine nach Bremen. Nun leben beide in der Nähe des Stadtteils Ginza, einem brummenden Geschäfts- und Vergnügungsviertel. Mal eben in die gemütliche Innenstadt wie in Oldenburg oder in einem Park wie dem Bürgerpark in Bremen spazierengehen? In Tokyo ist das so nicht möglich. Das Leben in der Stadt ist hektisch. Dass Geschäfte immer – auch am Sonntag – aufhaben oder Convinience Stores 24/7 verkaufen, dem kann Maximilian auch Vorteile abgewinnen. Aber der Nachteil ist: Es ist immer Highlife, tausende Menschen sind unterwegs. „In Deutschland hat man das Wochenende ja als Ruhetage“, sagt Kim.

Das Schwierigste bei der Auswanderung sind meist der Papierkram, Visa oder die Suche nach einer Wohnung. Glücklicherweise haben beide über Maximilians Firma viel Unterstützung und einen Anwalt bekommen, der die Bürokratie übernahm. Dennoch: „Der Start war für mich schwer“, erzählt Kim. Während ihr Mann Kontakte auf der Arbeit knüpfen konnte, war es bei Kim nicht möglich, weiter als Krankenschwester zu arbeiten. Dafür sind die Hürden zu hoch. Eine weitere Ausbildung, Studium und perfekte Japanisch-Kenntnisse wären dazu nötig gewesen.

Angekommen nach einem schwierigen Start

„Ich bin angekommen mit sechs Koffern“, erinnert sich Kim. „Ich weiß noch, ich war super müde, es war heiß und gefühlt 100 Prozent Luftfeuchtigkeit.“ Es waren so viele neue Eindrücke, „die konnte ich zunächst nicht mal verarbeiten.“ Und mit Englisch kommunizieren? In Japan schwierig. Hinzu kam das Heimweh. Um das kleine Tief zu überwinden, schaute sich Kim jeden Tag einen anderen Stadtteil Tokyos an und lernte so die Stadt richtig kennen.

(Foto: Kim Render)
(Foto: Kim Nause-Render)

Mittlerweile sind beide, Maximilian und Kim, voll in Japan angekommen und haben Freundschaften geknüpft. Kim hat sich als Wimpernstylistin selbstständig gemacht. Und das kommt super an. Außerdem lernen die beiden in Tokyo auch Japanisch: Beide nehmen Privatunterricht und lernen so ein paar Basics. Wöchentlich kommt eine Lehrerin vorbei.

In der Bahn sitzt zum Beispiel der Mann, wenn ein Platz frei ist. Die Frau steht dann. Wenn Max mir einen Platz anbietet, schauen manche Japaner verwundert.

Auswandern nach Japan sei schon eine Herausforderung, meint Maximilian. Für ihn weniger als für Kim. Denn bei den After-Work Abenden in der Bar sind die Männer meist unter sich. Der Stellenwert der Frau war etwas, was auch Kim in Japan aufgefallen ist: „In der Bahn sitzt zum Beispiel der Mann, wenn ein Platz frei ist. Die Frau steht dann. Wenn Max mir einen Platz anbietet, schauen manche Japaner verwundert.“

Respektvolles Miteinander begeistert die Auswanderer

Der gegenseitige Respekt aber untereinander in Japan sei  unglaublich. „Das kann man gar nicht mit Europa oder den USA vergleichen“, sagt Maximilian. So etwas habe er noch nicht erlebt. Im Zug telefoniere niemand, keiner höre laut Musik. Die Bahn sei immer pünktlich, bei der kleinsten Verspätung wird sich entschuldigt. Im täglichen Zusammenleben sind alle zuverlässig. Die öffentlichen Räume sind immer sauber und ordentlich, jeder nimmt seinen eigenen Müll mit und keiner raucht auf der Straße. Das man mal auf ignorante Menschen treffe, sei wirklich selten, meint Maximilian.

Eine Begegnung ist Kim besonders im Gedächtnis geblieben. „Als wir am Anfang zu einer Visa-Agentur mussten, haben wir sie nicht gefunden“, erzählt Kim. Ein japanischer Passant, den das Paar fragte, zeigte den beiden nicht nur den Weg, sondern führte sie bis zum Büro im zweiten Stock eines Gebäudes.

Yummy! Shabu Shabu schmeckt am Besten

Shabu Shabu ist das Lieblingsgericht von Max und Kim (Foto: jimg944; CC BY 2.0)
Shabu Shabu ist das Lieblingsgericht von Max und Kim (Foto: jimg944; CC BY 2.0)

Für die meisten Außenstehenden ist Japan gleichbedeutend mit Sushi. Doch bei Maximilian und Kim steht etwas anderes ganz oben auf dem Lieblingsmenu: „Shabu shabu„, ruft Kim sofort und lacht. Bei diesem Gericht schwenkt man feine Fleischstreifen oder Gemüse in einem Hotpot und tunkt es dann in leckere Soße. „Max hat sich sogar ein Gerät für Zuhause gekauft.“

Roher Fisch - das ist Sashimi (Foto: Kim Render)
Roher Fisch – Sashimi haben die Auswanderer auch gegessen. (Foto: Kim Nause-Render)

Japaner haben eine stärker ausgeprägte Esskultur als die Deutschen. Während sich Ausgehen in Deutschland eher auf’s Wochenende konzetriert, gehen Japaner eher unter der Woche essen. Maximilian gefällt besonders die Vielfalt an Restaurants und Bars in Tokyo. Überall gibt es andere Spezialitären. Aber: Niemand sitzt draußen. Ein Lebensgefühl, das den beiden Auswanderern etwas fehlt. „Wir sind die einzigen in unserem Disctrict mit Balkonmöbeln“, hat Kim bemerkt. „Als wir zum Frühstück draußen saßen, haben Japaner sogar Fotos gemacht.“ So verdutzt waren die Einheimischen.

Kim in einem traditionellen Kimono (Foto: Privat)
Kim in einem traditionellen Kimono (Foto: Privat)

Maximilians Vertrag ist auf drei Jahre begrenzt. Im Moment ist noch offen, was danach folgt. Für die beiden ist Japan aber jetzt schon ein ganz besonderes Erlebnis und eine wichtige Lebenserfahrung. Und ganz nebenbei haben sie in ihrer Heimat Japan als Touristenziel bekannter gemacht. Ihre Auswanderung ist der Grund, warum in der Althenoyther Nachbarschaft jetzt die  japanische Flagge zu sehen ist.

Tonia Marie Hysky

Hey, ich bin Tonia, 27 und ursprünglich aus der Nähe von Frankfurt am Main; waschechte Hessin eben. Im dritten Volojahr bei der Nwz. Nach dem Abitur habe ich Japanologie und Südostasienwissenschaften im Bachelor studiert. Lieblingsland? Definitiv Japan! Lieblingsessen? Sushi, Matcha, Motchi und Kirschblütenkram! Expertin für Kultur und Tradition im Land der aufgehenden Sonne. Beende den Tag des öfteren im Fitnessstudio, manchmal sind BCAA's auch mein Schlaftrunk - Bodybuilding und/oder Kraftsport.

1 Comment

Schreibe einen Kommentar