Nordisch gesehen

Neintology: Lebe nice mit Adam Angst

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Ich muss zugeben, dass Adam Angst lange an mir vorbeigingen (und leider auch Frau Potz). Umso begeisterter war ich, als ich dann doch über Sänger Felix Schönfuss und sein aktuelles Bandprojekt stolperte. Das war kurz vor der Veröffentlichung von „Neintology“. Was soll ich sagen, das Debutalbum „Adam Angst“ war schnell bestellt, schnell mehrfach durchgehört und „Neintology“ (erschienen bei Grand Hotel van Cleef) gleich vorbestellt. Hat es sich gelohnt? Fuck, yes.

Schon beim Debutalbum feierte ich die Wut, den immer wieder durchbrechenden Hass und den beißenden Zynismus, die Schönfuss in seine Texte kippt. Kurzer Check: Ja, war auch bei Frau Potz so (und bei Escapado, aber ganz soweit zurück will ich nicht gehen). Nach Liedern wie „Jesus Christus“, „Professoren“, „Splitter von Granaten“ oder „Flieh von hier“ auf dem Debutalbum war die Messlatte hoch. Doch schon die erste Auskopplung aus „Neintology“ – Alle sprechen deutsch – ließ hoffen.

Eine Hoffnung, die „Neintology“ auch größtenteils erfüllt. Adam Angst experimentieren mit Sounds, Felix Schönfuss wechselt zwischen leicht poppigem Gesang und seinem „Schreihals“-Markenzeichen, das die Wurzeln im Hardcore-Punk spüren lässt. Doch der Reihe nach.

Neintology: Die Lieder im Schnelldurchlauf

Der Beginn von etwas ganz Großem: Der erste Track des Albums kommt ohne Gesang aus und klingt ein wenig so als wäre Anne Clark auf der Orgel eingeschlafen. Das Lied passt auch gar nicht so wirklich zum Rest des Albums, aber als ironische Overtüre kann man es gebrauchen.

Ihr seid mir viel zu aufgesetzt und zu professionell. […] Ihr habt scheinbar keine Ahnung, wie Punkrock funktioniert.

Punk: Mit dem zweiten Lied auf „Neintology“ begeben sich Adam Angst in gewohnte Gewässer. Das Lied ist ironisch vom ersten Ton bis zum letzten Wort. Mit „Liedern, in denen sich Sänger darüber beschweren, was die Fans so über ihre musikalische Entwicklung sagen und wie viel Fick die Sänger darauf geben“ kann man zwar ganze Sampler bestücken, aber: Nur, weil schon andere Bands ins gleiche Horn gestoßen haben, bedeutet das ja nicht, dass man das nicht nochmal machen kann. „Punk“ ist lustig, ironisch und die Melodie könnte im Lexikon unter dem Stichwort Punkrock abgedruckt werden – und das ist schon wieder hübsch ironisch im Gesamtkontext des Liedes zu sehen.

Alexa: Das Lied über Amazons Sprachassistentin wurde ebenfalls im Vorfeld des Albumreleases ausgekoppelt. Und gehört für mich zu den Liedern, mit denen ich am wenigsten anfangen kann. Wenn mich bei „Punk“ die Ähnlichkeit zu anderen Liedern nicht stört, ist mir „Alexa“ zu nah dran an „Dusche“ von Farin Urlaub.

Blase aus Beton: Hier widmen sich Adam Angst den Filterblasen – und den Wohlfühloasen, in denen die Menschen nur noch „für den geringsten Widerstand“ kämpfen. Passend nach „Alexa“ eingeordnet.

Auf den ersten Blick in dieses Land verliebt. Die Mauern sind hoch und der Stacheldraht ist neu. Doch das Beste ist: Alle sprechen deutsch.

Alle sprechen deutsch: Der Mann, der alles bestimmt; die Oma ins Heim abgeschoben. Ab geht es in die Türkei. „Alle sprechen deutsch“ reitet die Klischees über deutsche Touristen bis zum poppigen Orgasmus. Man kann die „Professoren“ vom Debutalbum förmlich vor sich sehen, wie sie mit Socken in den Latschen ihren Wanst am Pool sonnen. Dazu die eher Angst-untypische Melodie. „Alle sprechen deutsch“ ist ein bisschen die Urlaubsvariante von Sondaschules „Ostberlin“ – sonniger Zynismus, der hübsch getarnt daherkommt.

Damit ich schlafen kann: Hier werden Adam Angst ernst. „Damit ich schlafen“ kann widmet sich dem Thema Depressionen, kommt ruhig und nachdenklich daher – und bildet einen guten Kontrapunkt in der Mitte des Albums. Ein Lied, für das man sich Zeit nehmen sollte. Auch wenn es aus der Rolle fällt und nicht punkig ist, gehört es zu den Highlights des Albums.

Im Kriegsgebiet die Nazis Nazis nennen

Kriegsgebiet: Nach den Depressionen und dem poppigen Zynismus bricht sich die Wut in „Kriegsgebiet“ die Bahn. Es geht um Konsum, um die „First-World-Problems“, die uns aufregen, die aber eigentlich völlig Banane sind.

Bleibt bloß von meinem Garten weg, ich bin im Sportschützenverein.

Immer noch: Welch ein Lied über die unbegründeten Ängste der „besorgten Bürger“! Da landen Außerirdische in Hahn bei Wuppertal und alle drehen durch. Bissige Seitenhiebe gegen Geheimdienste und Politik, eine kleine Geschichte über die Angst vor dem Fremden, über das, was wirklich zählt: „Bleibt bloß von meinem Garten weg, ich bin im Sportschützenverein.“ Adam Angst entwerfen hier, wie auch schon bei Alexa, eine Dystopie. Der markante Unterschied: In „Immer noch“ reden sich die Menschen in Rage und Angst, ohne dass die „kleinen grauen Männchen“ überhaupt in Erscheinung treten. „Sie haben nur teilnahmslos gewartet, bis die Welt in Trümmern lag.“ Ein Lehrstück in Panik und Xenophobie.

Alphatier: Geschlechterrollen, die überhaupt nicht mehr zeitgemäß sind, aber weiterhin gelebt werden. Alphatier schreit „fickt die Traditionen“. Ein Lied für diejenigen, die sich nicht in tradierte Schubladen stecken lassen wollen, ein Lied für diejenigen, die Schubladen für völlig überholt halten und lieber einen buntgemischten Kleiderschrank haben wollen.

Ich werde dich immer Nazi nennen. Gleiche Scheiße, neue Namen, eskortiert vom Streifenwagen. Egal wie viele es nicht erkennen, ich werde dich immer Nazi nennen.

D.I.N.N.: Die richtigen Knaller haben sich Adam Angst für das Ende des Albums aufgehoben. Auf dem Weg nach Hause nochmal richtig treten. „D.I.N.N.“ (Dich immer Nazi nennen), ist eine Kampfansage an die neuen Nazis, die ihre Springerstiefel gegen den Anzug getauscht haben und in Talkshows eingeladen werden. Na, wer könnte damit wohl gemeint sein? D.I.N.N. widmet sich dem braunen Streifen in der Unterhose der deutschen Gesellschaft – und sollte unbedingt zusammen mit dem Closer des Albums gehört werden.

Erst fängt sie nur ganz leise an, dann schaut sie übern Schüsselrand, sagt kurz „Guten Tag“, aber dann…zu spät

Physik: Hier bekommt der braune (digitale) Mob sein Fett weg. Adam Angst besingen hier, was passiert, „wenn man Scheiße niemals runterspült“. Sie machen hier klar, dass auch die Facebook-Vollposter und die Stammtisch-Paroler der bürgerlichen Mitte (was das auch immer sein soll) sich nicht wundern müssen, wenn sie langsam aber sicher voll mit brauner Scheiße sind. Der Physik sei Dank, das Schicksal ist selbst gewählt, „hättest du mal nicht so viel Scheiß gepostet“. Grandioses Schlusslied, dass sich nahtlos in „Professoren“, „D.I.N.N.“ und „Immer noch“ einreiht.

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Claus Arne Hock

Jahrgang 1982; Journalist mit Migränehintergrund; Die Kanzlerin hat mir nie ihr Vertrauen ausgesprochen; Volontär in der Presseagentur GanterMedia (Ganderkesee); Musikbegeisterter Film- und Comicfan.

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