Nordisch leben

Kongenitaler Nävus, oder: „Ist doch nur Farbe!“

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Wer Marika Nagy zum ersten Mal trifft, lernt eine junge, fröhliche und aufgeschlossene Frau kennen. „Ja, die Leute gucken“, sagt die 21-jährige Bremerin. „Mittlerweile kann ich damit aber gut umgehen.“ Dass das schon mal anders war, kann man ahnen, denn Marika sieht anders aus als die Norm. „Ich hab halt viel Farbe“, sagt sie und muss lachen. Die junge Frau leidet unter der Pigmentstörung Kongenitaler Nävus, wobei „leiden“ eigentlich das falsche Wort ist. Gelitten hat sie früher, in der Schulzeit. Jetzt trägt sie die zahlreichen Muttermale wenn schon nicht mit Stolz, dann aber mit einer großen Selbstverständlichkeit. „Es ist doch nur Farbe“, sagt sie immer wieder, es wirkt wie ein in Worte gefasstes Schulterzucken.

Von Geburt an zieren die großen bräunlichen Flecken des Kongenitalen Nävus Marikas Körper. Vor allem an den Oberschenkeln und auf dem Rücken sind die Flecken sehr groß, an anderen Stellen, zum Beispiel im Gesicht, sind es eher viele kleine. Es fällt nicht schwer sich vorzustellen, dass Hänseleien in der Schule zu Marikas Alltag gehörten. Doch es war noch schlimmer: „Wer nicht dabei war, der kann sich das gar nicht vorstellen“, sagt die Bremerin. „Kinder und vor allem Jugendliche können ziemlich gemein sein.“ Ungefähr jeder sechste Jugendliche im Alter von 15 Jahren wird in Deutschland Opfer von Mobbing. Wer verstehen will, wer Marika heute ist, muss zumindest in Ansätzen wissen, was sie durchgemacht hat.

Extremes Mobbing in der Schule

Vor allem ab der 5. Klasse entwickelte sich an der neuen Schule ein Leidensweg, den Marika nur als „extrem“ bezeichnen kann. Aus Hänseleien wurde systematisches Mobbing. „Das war vor allem eine Gruppe aus so fünf Mädchen“, erinnert sie sich. Die Rädelsführerin – „größer als ich und korpulent“ – sorgte immer wieder dafür, dass Marika verbal angegangen wurde. Und irgendwann kam die körperliche Gewalt. Zunächst wurde Marika geschubst, auf dem Schulhof, beim Ankommen an der Schule, nach Unterrichtsschluss. Dann drehte sich die Gewaltspirale immer weiter. „Ich hielt mich schon immer abseits von den anderen“, erzählt Marika, „aber gebracht hat das nichts.“

Ich war zu dem Zeitpunkt mental schon so kaputt, dass ich nichts zur Anzeige gebracht habe. Auch wenn ich das hätte tun sollen.

Es sind Szenen wie diese, die der jungen Frau besonders deutlich im Gedächtnis geblieben sind: „Einmal standen wir vor der Klasse und warteten auf den Lehrer. Die Tür zum Klassenraum war ja abgeschlossen. Da wurde ich plötzlich von hinten hochgehoben und weggetragen. ,Wir wollen dich hier nicht haben‘, sagte sie zu mir.“ Sie, das war die Rädelsführerin. Die Lehrer an ihrer Schule schauten in der Regel weg. Sie schauten weg bei den Hänseleien, aber auch bei der Gewalt. Selbst als Marika ein Bein gebrochen wurde, gab es keine großartigen Konsequenzen.

Tritte an den Kopf

Konsequenzen gab es erst später: Einmal wurde Marika, wieder beim Warten vor dem Unterricht, so stark geschubst, dass sie hinfiel. „Und plötzlich traten mehrere Mitschüler auf mich ein.“ Die Tritte trafen sie an den Beinen, im Bauch, am Kopf. Verzweifelt griff sie nach ihrem Regenschirm, schlug blind zurück, traf eine Mitschülerin am Kopf. Jetzt schritt ein Lehrer, der die ganze Situation beobachtet hatte, ein. Es gab einen Schulverweis – für Marika. „Ich war zu dem Zeitpunkt mental schon so kaputt, dass ich nichts zur Anzeige gebracht habe. Auch wenn ich das hätte tun sollen.“

Es hat lange gedauert, bis Marika über das sprechen konnte, was ihr widerfahren ist. Den Schulverweis nutzten ihre Familie und sie, um einen Neustart an einer anderen Schule zu versuchen. Zur 9. Klasse wechselte sie und es klappte, „mein letztes Jahr in der Mittelstufe konnte ich relativ in Frieden verbringen“. Zwar gab es weiter dumme Sprüche, aber es entwickelte sich kein systematisches Mobbing. Marikas Noten wurden wieder besser, der Kongenitale Nävus stand nicht mehr so im Vordergrund. Auch die Lehrer kümmerten sich mehr, schritten ein, wenn es zu schlimm wurde. Sie schloss die Mittelstufe ab, freute sich auf die Oberstufe, das Abitur.

Depression und Therapie

Doch dann holten die Mobber sie ein. Plötzlich begegnete sie wieder einer der Mobberinnen regelmäßig auf dem Schulweg. Verbale Attacken und erneute Gewalt folgten, Marika ging irgendwann nicht mehr zu Schule. „Ich bin zwar morgens aus dem Haus gegangen, dann aber wieder zurück, als meine Eltern bei der Arbeit waren.“ Ihr wurde schlecht, wenn sie das Schulgebäude auch nur sah. Marika entwickelte eine schwere Depression. Sie begann eine Therapie.

Die Therapie funktionierte, nach einem Jahr Schulpause konnte Marika wieder den Unterricht besuchen. Sie machte 2016 ihr Abitur, ging danach als Au-pair nach England. „Die Therapie hat mir die Prozesse aufgezeigt, die hinter dem Mobbing steckten“, erzählt sie. Zudem stellte sie Dank des Internets fest, dass sie mit ihrer Pigmentstörung nicht alleine ist. „Tatsächlich kannte ich bis vor ein paar Jahren den Fachbegriff Kongenitaler Nävus gar nicht“, so Marika. Vor allem Instagram habe ihr geholfen, offener mit der Pigmentstörung umzugehen.

Was ist Kongenitaler Nävus?

Marikas Arme: Der kongenitale Nävus ist ganz unterschiedlich ausgeprägt. (Bild. Claus Hock)
Marikas Arme: Der Kongenitale Nävus ist ganz unterschiedlich ausgeprägt. (Bild. Claus Hock)

„Es sind halt Flecken“, sagt Marika – und hat damit auch aus medizinischer Sicht gar nicht so Unrecht. Die braunen, manchmal schwarzen Hautveränderungen sind in der Regel gutartig, auch wenn Betroffene ein höheres Risiko haben, an Hautkrebs, malignen Melanomen, zu erkranken. Im Gegensatz zu den klassischen „Muttermalen“ sind Kongenitale Nävi von Geburt an vorhanden. In kleinerer Form kommen sie bei ungefähr einem Prozent alles Neugeborenen vor, größere Nävi (ab zehn Zentimeter Durchmesser) kommen nur bei einem von 20.000 Neugeborenen vor. Der Riesennävus, wie der Kongenitale Nävus auch genannt wird, ist noch seltener: Nur eines von 500.000 Babys hat Riesennävi, die ganze Körperteile überziehen. „Bei mir war es der Rücken“, sagt Marika.

Als Säugling musste sie sieben Hautabschabungen innerhalb ihrer ersten zwölf Lebensmonate über sich ergehen lassen. Dermabrasion nennt sich das, Marika hat davon bis heute Narben. „Das wird heute kaum noch gemacht, weil es in der Regel unnötig ist“, erzählt sie.

Leben mit dem Kongenitalen Nävus

Die Narben und die Flecken sind heute noch da, aber aus der ausgegrenzten Schülerin ist eine selbstbewusste, fröhliche junge Frau geworden. Und eine Mutter. Milan Alexander ist neun Monate alt und wird nie unter der Pigmentstörung seiner Mutter leiden. „Zum Glück nicht“, sagt Marika. Denn obgleich sie selbst heute offen mit der Pigmentstörung umgeht, weiß sie, dass ihr Sohn es „ohne die Farbe“ leichter haben wird.

 

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„Hätte er Kongenitalen Nävus, würde ich es aber auch nicht entfernen lassen“, betont Marika. Sie sagt aber auch: „Hätte mir vor ein paar Jahren jemand gesagt, dass ich jetzt so offen damit umgehe, ich hätte es nicht geglaubt.“ Dass es so ist, ist ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Da war die Therapie, da waren neue Freunde von der zweiten Schule, da war und ist Instagram und da ist Marikas Wille. „Ich habe mir irgendwann gesagt: Ich will nicht mit 20 immer Zuhause sitzen und mich nicht raus trauen.“

#bareyourbirthmark

Marika ist als "marynevus" auf Instagram aktiv. (Bild: Claus Hock)
Marika ist als „marynevus“ auf Instagram aktiv. (Bild: Claus Hock)

Zuspruch und Unterstützung erhielt sie von Familie, von Freunden und von der Instagram-Community. Auf dem Sozialen Netzwerk gibt es vor allem einen Hashtag, unter dem sich all diejenigen versammeln, die unter Kongenitalem Nävus oder ähnlichen Pigmentstörungen „leiden“: #bareyourbirthmark. „Plötzlich stellst du fest, dass du nicht alleine gegen den Rest der Welt stehst, sondern dass es noch viele andere gibt“, sagt Marika, die bei Instagram unter dem Namen marynevus unterwegs ist, über die Community. Zwar gebe es auch online negative Kommentare, „aber vor allem viel Zuspruch“.

I got hit, kicked, spat on, scratched. My names were „ugly, dirty, not worthy, dalmatian“ a shame for my parents, pain in the ass, „please go and hang yourself“ I gave birth. I’m a mother. I gave my body and soul to my son. And #thisisme . My #body is my canvas and #life is the #art
I AM BEAUTIFUL AND NOBODY CAN TELL ME OTHERWISE!
(Eintrag auf Marikas Instagram-Account)

Aber nicht nur Marika hat Instagram geholfen, auch sie ist für einige zur „Influencerin“ geworden. Die 21-Jährige redet offen über das Mobbing, über ihr Leben mit Kongenitaler Nävus, über das Positive und das Negative. „Immer wieder sagen mir Menschen, dass ihnen das hilft“, erzählt Marika. Ihr Account helfe anderen, mit Mobbing umzugehen, Perspektiven zu entwickeln, sich nicht alleine zu fühlen. „Ich will mit dem Instagram-Account mehr Farbe in die Welt bringen und anderen zeigen, dass man unter dem Nävus nicht leiden muss“, sagt Marika.

„Ich wollte immer Schauspielerin werden“

Neben Milan Alexander widmet sich Marika gerade viel ihrem Instagram-Account, sie gilt schon als Micro-Influencerin. „Eigentlich wollte ich immer Schauspielerin werden“, erzählt sie. „Aber als alleinerziehende Mutter, auch wenn der Kontakt zum Vater wirklich super ist, ist das nicht so einfach.“ Wie es beruflich und privat weitergeht, weiß sie noch nicht genau, momentan steht ihr Sohn an erster Stelle. „Kriminalpolizei würde mich sehr interessieren“, sagt Marika. Egal, wie es weitergeht: „Ich verstecke mich nicht, die Farbe auf meiner Haut ist doch Teil meiner Identität.“

Heute ist Marika eine lebensfrohe junge Frau, deren Strahlen ansteckend wirkt. (Bild: Claus Hock)
Heute ist Marika eine lebensfrohe junge Frau, deren Strahlen ansteckend wirkt. (Bild: Claus Hock)
Claus Arne Hock

Jahrgang 1982; Journalist mit Migränehintergrund; Die Kanzlerin hat mir nie ihr Vertrauen ausgesprochen; Volontär in der Presseagentur GanterMedia (Ganderkesee); Musikbegeisterter Film- und Comicfan.

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