Nordisch leben

Kaputt ist in

Google+ Pinterest LinkedIn Tumblr

Es ist paradox: Wenn etwas kaputt ist, verschlissen und zerrissen, wieso sollte es dann wertvoll und besonders teuer sein? In der Mode ist genau das zurzeit häufig der Fall. Je abgerockter eine Jeans aussieht, desto beliebter und desto teurer ist sie auch.

Die Auszubildende des Modehauses Büsing in Nordenham, Alyssa Hülsmann, erzählt, dass der Trend aus den 1960er und 70er Jahren kommt. Studenten rebellierten nicht nur gegen politische, sondern auch gegen modische Zwänge. Hardrock- und Punk-Bands brachten zerrissene Jeans auf die Bühne. „In den 90er-Jahren war Nirvana-Sänger Kurt Cobain das Vorbild einer ganzen Generation. Er verkörperte einen speziellen Grunge-Stil, den viele Menschen nachzuahmen versuchten.“

Alyssa Hülsmann (rechts) präsentiert eine Hose im Used-Look.

Spezielle Techniken

Aus einer Gegenbewegung machten die Modedesigner einen Trend. „Die Jeans war mal als Arbeiterhose entwickelt worden. Sie sollte viel aushalten können“, erklärt Alyssa Hülsmann. Heute darf sie schon neu kaputt sein.

Es ist aber nicht damit getan, eine Jeans einfach abzuschneiden oder mit der Schere Schnitte am Knie und am Oberschenkel zu setzen. Das weiß auch Anke Coldewey, die Inhaberin von Mode Schröder: „Die Techniken und Herstellungsprozesse sind höchst aufwendig. Die Hose soll ja auch nach mehrmaligem Tragen noch genauso aussehen wie beim Kauf und nicht weiter einreißen.“

Anke Coldewey vom Modehaus Schröder zeigt die Kollektion.

Damit das klappt, gibt es mehrere Möglichkeiten. Manche Hersteller unterlegen die aufgerubbelten Stoffstellen mit einer zweiten Lage Jeans, andere säumen die Löcher oder stärken die Nähte. „Den trendigen Used-Look kriegt man zu Hause nicht so hin wie die Hersteller“, weiß Alyssa Hülsmann.

Aufwendige Herstellungsprozesse machen sich beim Preis bemerkbar. „Auch renommierte Marken bieten den Used-Look an. Dann liegen die Kleidungsstücke aber schnell bei über 100 Euro. Die gewollten Beschädigungen sind oft Handarbeit, und jede Jeans ist ein Unikat“, sagt Anke Coldewey.

Für alle Altersklassen

Jörg undViola Irmer bieten in ihrem Modehaus ebenfalls Jeanshosen im Used-Look an. „Einer bestimmten Altersgruppe lässt sich der Trend nicht zuordnen. Es geht nur darum, ob es gefällt – oder eben nicht. Wir wollen Kunden auch in keine Schublade stecken. Alle sollen tragen, was sie mögen“, sagt Viola Irmer. Die abgewetzte Jeans jedenfalls ist nicht mehr nur in den Kleiderschränken der rebellischen Jugend zu finden. Sie hat sprichwörtlich Mode gemacht und lässt sich auch zu schicken Blusen oder High-Heels tragen.

„Ich trage auch sehr gern solche Jeanshosen, allerdings eher so in der schicken, edlen Version mit Glitzer“, sagt Anke Coldewey und zieht gleich ein Modell aus ihrem Sortiment hervor, das sie selbst besitzt. „Die sogenannten Best-Ager, also Menschen um die 50, fangen jetzt auch mehr und mehr mit diesem Trend an. Manche kommen in den Laden und fragen ausdrücklich nach solchen Hosen“, berichtet Anke Coldewey.

Viola Irmer zeigt. wie Jeanshosen mit Löchern von innen hinterlegt werden.

Andere Kunden seien skeptisch. „Manche können sich nicht damit anfreunden und sagen: Für etwas Kaputtes gebe ich doch kein Geld aus. Es gefällt eben nicht allen und das ist ja auch gut so“, sagt Viola Irmer und lacht.

Solche Erfahrungen hat auch Alyssa Hülsmann gemacht – nicht nur im Laden, sondern auch mit ihrer eigenen Oma. „Zu Anfang fand sie es ganz seltsam, wenn ich solche Hosen getragen habe. Aber inzwischen sagt sie auch, dass sie es schick an mir findet. Selbst tragen würde sie kaputte Hosen aber niemals.“ So ist es eben in der Mode: Sie verändert sich stetig – und bleibt dabei stets Geschmackssache.

Imke Harms

Kind ausm Pott - aber mit starkem Hang zur Nord-Liebe. Ist fast 30 - für immer. Hat einen Bachelor in Germanistik und Materieller Kultur und einen Master in Kulturanalysen - das ist was mit Medien, mit Museen und mit Kritisch-Denken. Mag Pferde, Draußensein und Joggen im Nebel. Und Schreiben. Ist die Schwachstelle im System.

Schreibe einen Kommentar