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Fallschirmspringen: Freier Fall mit 220 km/h

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Meine Beine baumeln aus dem Flugzeug. Gleich geht es los, das Sky Diving oder Fallschirmspringen. In 4000 Meter Höhe. Jimmy (43) zieht meinen Kopf nach hinten. „Oh Gott“, schießt es mir durch den Kopf, „gleich wird er sich abstoßen und wir werden fallen, fallen, fallen!“ Jimmy stößt sich, stößt uns ab. Nein, nein, NEIN! Oh, verdammt, was hab ich mir nur dabei gedacht? Schei….! ICH WILL NICHT!

Was zuvor geschah…

Es ist Freitagnachmittag, 16 Uhr. Eigentlich sollte ich schon in der Luft sein. Aber die Planung hat sich etwas verschoben, gegen 18 Uhr soll es erst losgehen. Ich bin ruhig, stehe auf dem Flugplatz in Ganderkesee rum, auf der Anlage von YourSky.de. Die Fallschirmspringer werden mich heute mit nach oben nehmen, auf vier Kilometer Höhe. Ich rede mit Verena (34), der ich diese ganze Erfahrung zu verdanken habe. „Nach der Landung wirst du gleich noch mal springen wollen“, prophezeit sie mir. Ich bezweifel das, schwanke zwischen aufgeregt und ruhig. Ich habe eigentlich Höhenangst, war aber der einzige in der Redaktion, der nicht sofort gesagt hat: Fallschimrspringen? Auf keinen Fall!

Verena wohnt in Oldenburg und springt seit zwei Jahren. Angefangen hat bei ihr alles mit einem Tandemsprung, genau so einer, wie er mir bevorsteht. „Ich war sofort begeistert“, erzählt sie. Aber dennoch hat es ein Jahr gedauert, bis sie sich entschied, die rund 3000 Euro teure Ausbildung in Angriff zu nehmen. Seitdem lässt sie der Sport aber nicht mehr los, auch an Wettkämpfen nimmt sie teil. Da gebe es mehrere Kategorien, sie macht „Formation Skydiving“.

Auf dem Sprung

Verena und Claus Hock (Bild: Claus Hock)
Verena und Claus Hock kurz vor dem Sprung (Bild: Claus Hock)

Eineinhalb Stunden später, das Warten hat ein Ende. Die Vorbereitungen sind unspektakulär. Eine kurze Einweisung, dann das Sprunggeschirr anlegen. Zusammen mit meinem Tandemmaster Jimmy und den anderen Springern laufe ich zum Flugzeug. Jimmy springt seit 1997, hat weit über 3000 Sprünge hinter sich.

Kurz darauf sind wir schon in der Luft. Ein paar Minuten später frage ich mich, wie weit wir noch nach oben fliegen wollen? Ein Blick auf den Höhenmesser. 900 Meter, fehlen also nur noch 3100 Meter. Mir ist schlecht, ich bin unruhig.

Ich schaue aus dem Fenster; es ist eng in der Kabine des Flugzeugs. Zehn Personen quetschen sich rein, zwei Einzelspringer – darunter Verena – und vier Tandems. Ich werde wieder ruhiger, gewöhne mich an die Bewegungen des Flugzeugs.

Die Türen sind auf, die Begeisterung hält sich in Grenzen (Bild: Jan-Claas Dirks)
Die Türen sind auf, die Begeisterung hält sich in Grenzen (Bild: Jan-Claas Dirks)

Nach ungefähr 15 Minuten fängt Jimmy an, mein Sprunggeschirr mit seinem zu verbinden, wir sind fast auf Sprunghöhe. Er ist fertig, geht noch einmal den Sprung mit mir durch. In der Tür den Kopf nach hinten, Beine zusammen und sie aus dem Flugzeug baumeln lassen. Hohlkreuz machen und im Fall die Beine stark anwinkeln. „Versuch, meinen Hintern zu treffen!“, ruft Jimmy gegen den Lärm des Flugzeugs an. Die Tür geht auf, gleich geht es los.

Fallen mit 220 km/h

Verdammt, auf was hab ich mich hier eingelassen? Jimmy stößt uns ab, ich verliere die Orientierung. Mein Magen sackt mir in die Zehenspitzen. Ich habe das Gefühl, gleich ohnmächtig zu werden. Zwei, drei, vier Sekunden später ist es wieder gut. Wir fallen mit 220 km/h Richtung Boden. Jimmy klopft mir auf die Schulter, das Zeichen, dass ich meine Arme ausbreiten kann. Adrenalin rauscht durch meinen Körper, ich fange an zu schreien. Lang und laut. Ich merke, dass ich grinse. Ich genieße den freien Fall, sauge die unglaubliche Aussicht in mich rein. Verena und Jan-Claas, der Sprungfotograf, fliegen auf mich zu, reichen mir die Hand, zeigen Daumen hoch.

Wir fliegen

Im freien Fall mit Tandemmaster Jimmy und Verena (Bild: Jan-Claas Dirks)
Im freien Fall mit Tandemmaster Jimmy und Verena (Bild: Jan-Claas Dirks)

Glücksgefühle. Wie nach dem Bestehen einer wichtigen Prüfung, wie nach dem Treffen einer lebensverändernden Entscheidung. Jimmy klopft mir wieder auf die Schulter, die 50 Sekunden freier Fall sind vorbei. Wir müssen also auf ungefähr 1500 Metern sein. Ich verschränke die Arme, Jimmy zieht den Fallschirm, ein Ruck geht durch uns. Wir fallen nicht mehr, wir fliegen. Die Aussicht ist atemberaubend, nahezu gemächlich drehen wir leichte Runden über Ganderkesee. Es ist unglaublich entspannend. Ich denke nicht an die Höhe, ich kann mich gar nicht satt sehen. Langsam kommt der Flugplatz näher. Nach vier Minuten sagt Jimmy „Füße hoch“. Ich ziehe meine Beine an den Kniekehlen nach oben, strecke die Füße aus, der Boden kommt näher, wir landen auf dem Hintern, rutschen ein Stück. Der Boden hat uns wieder.

Mein Fazit: Darf ich gleich noch mal springen? Bitte!?

Nach dem Sprung: Jimmy (von links), Claus und Verena

YourSky.de in Ganderkesee

Die Firma YourSky.de bietet am Flugplatz Ganderkesee verschiedene Möglichkeiten für aktive Fallschirmspringer und Interessierte an. Wer noch nie gesprungen ist, kann an einem Tandemsprung teilnehmen. Diese beginnen bei 199 Euro. Der Sprung kann auch per Video aufgezeichnet werden. Fallschirmspringen kann jeder, nur sollte die Körpergröße zwischen 1,40 und 1,90 Meter liegen. Das Gewicht sollte nicht deutlich über 90 Kilogramm betragen. Ausnahmen können gemacht werden, müssen aber zuvor mit den Betreibern abgesprochen werden. Auch die Sprunglizenz kann am Flugplatz Ganderkesee abgelegt werden. Es handelt sich dabei um die so genannte AFF-Lizenz („AFF“ steht dabei für „Accelerated Freefall“). Die Kurse finden mehrmals im Jahr statt. Die AFF-Lizenz ist international gültig.

Ein bisschen Spaß muss sein: Was tun, wenn der Fallschirm versagt?

Claus Arne Hock

Jahrgang 1982; Journalist mit Migränehintergrund; Die Kanzlerin hat mir nie ihr Vertrauen ausgesprochen; Volontär in der Presseagentur GanterMedia (Ganderkesee); Musikbegeisterter Film- und Comicfan.

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