Nordisch unterwegs

Ein Tee mit einem großzügigen Fremden

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Unagi Kabayaki – Dies war der Grund, der mich genau in dieses alte Restaurant am Shinobazu See im Tokioter Stadtteil Ueno lockte. Das Gewerbe ist so alt und eingesessen, das erste Bildnis des Restaurants ist ein Holzschnitt. Ich  betrat also das alte Restaurant in Ueno. Was ab dort passierte, war einfach nur irre.

Eine der vier in traditionelle Kimonos gekleidete Bedienungen spricht ein wenig Englisch. „Kann ich oben sitzen?“ frage ich, nachdem mir der Tee serviert wurde. Denn dort befindet sich das traditionelle japanische Ambiente. Jedes einzelne der Aalgerichte sieht verlockend aus, etwa die Hälfte ist preiswert. Etwa 24 Euro zahlt man für eine gute Portion. Ich entscheide mich für den Kabayaki Aal,  dazu Tempura, lange Garnelen in einer knusprigen Panade.

Ich darf mich umsetzen, extra für mich wurde das obere Abteil geöffnet. Ich nehme meine Sachen und den Tee und gehe in Richtung Treppe. Der Schrecken steht meiner Bedienung ins Gesicht geschrieben: Der Gast trägt seine Speisen nicht selbst, was sollen nur die anderen Gäste denken? Sie reißt mir Tasse und Untertasse mit einem Lächeln und einer Verbeugung aus der Hand.

Oben angekommen nehme ich einen Platz am Fenster. Dort gibt es nur die tiefen japanischen Tische. Bevor ich die Kissen betrete, ziehe ich natürlich die Schuhe aus, dann knie ich mich hin – so wie ich es aus dem Fernsehen kenne. Falsch. Zwar ist diese Haltung immer noch weit verbreitet, aber zum Komfort aller gibt es nun eine Kuhle unter dem Tisch, man sitzt also bequem.

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Vom Fenster aus genieße ich die Straßenszenen Uenos. Wachleute eines Geldtransporters stehen mit Schlagstock im Anschlag neben ihrem Wagen, was etwas witzig aussieht. Sie tragen keine Pistolen, wer auch immer kommen mag, er müsste mit dem Teleskopschlagstock in seine Grenzen gewiesen werden. In der Mitte des Sees befindet sich ein Tempel auf einer kleinen Insel. Um ihn herum schieben sich Wolkenkratzer Jahrzehnt für Jahrzehnt näher zur Sonne. Vor allem architektonisch bieten sich in Tokio krasse Gegensätze.

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Mein Unagi Kabayaki kommt. Goldbraune Scheiben Aal, geröstet über der Glut von Holzkohlen, liegen auf einer ebenfalls leicht goldenen Schicht aus Reis. Dazu kommt eine Suppe, etwas Gemüse, ein neuer Tee und das Tempura. Zum servieren kniet sich die Bedienung neben mir auf den Boden und blickt anschließend fragend in meine Augen, ob ich zufrieden bin. Und wie! Genauso hatte ich es gewollt. Ich beiße in den Aal und rolle mit den Augen. Eine Köstlichkeit! Es ist das beste Essen seit Monaten, ein seit zwei Jahren währender Heißhunger wurde endlich gestillt. Bissen für Bissen verschwindet langsam der Aal.

Ich bemerke, dass sich die obere Etage schnell gefüllt hat, nachdem ich quasi die Schranken durchbrochen hatte. „Hey“, ertönt es hinter meinem Rücken. Dann wieder. „Hey, Gaijin“. Ich drehe mich um. „Gaijin“ bedeutet soviel wie „Fremder“ oder „Ausländer“. Der männliche Teil eines Paares, beide um die vierzig, erbittet meine Aufmerksamkeit. Er sitzt zwei Tische weiter und hat sich nun im Schneidersitz in meine Richtung gedreht. „Where …. from?“ fragt er, mit sichtlicher Mühe die richtigen Worte zu finden. „Germany“, antworte ich, verwundert, was nun kommen mag.

„Ohhhh Jerrrmany“, ruft er aus und schiebt mir ein Glas Sake hin. Wir leeren gemeinsam die Gläser, während seine Frau hinter seinem Rücken mit Geesten um Verzeihung bittet, ihr Mann hat etwas zu viel getrunken. Noch zweimal füllt er nach. Er hat versucht mir zu erklären, warum er diese Dankbarkeit zeigt, entweder waren seine Eltern schon einmal als Tourist in Deutschland, oder sein Vater hat praktisch an der Seite Deutschlands im Krieg gekämpft. Irgendwie so. Ich freue mich sehr über die unerwartete Gastfreundschaft, fühle mich aber etwas unbehaglich. Seine Frau scheint für ihn kaum noch zu existieren, zudem hält er die Bedienung auf Trab mit vielen Wünschen und Bitten. So wird ein drittes Glas geordert, das eigene Essen und eine kleine Schale, damit ich es probieren kann.

Ich weiß nicht, was er mir angeboten hat, ich kann das Essen wirklich nicht identifizieren, aber mein Aal ist besser, der, der hinter meinem Rücken kalt wird, auch wenn es nicht mehr viel ist. Für einen Moment ist er abgelenkt, isst und hat beide Beine unter dem Tisch, ich ergreife die Chance und beende stöhnend meinen Aal. Großartig. Einfach großartig. „Heeeey“, kommt es wieder von hinten.

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Eine neue Portion Aal – auf seine Rechnung

Hier wurde ein Ablenkungsmanöver gestartet, dass mich tief beeindruckt hat. Auf dem Tisch in der Mitte zwischen uns steht eine große Portion Aal nach tokioter Art ohne alles. „Probier das mal“, sagt der Fremde mit Händen und Füßen. Ich probiere. Auch sehr gut, wenn auch nicht so gut wie der erste. Das Ablenkungsmanöver: Während ich probiere, stibitzt die Bedienung meinen Rechnungszettel vom Tisch. Das sehe ich aus dem Augenwinkel und wende mich an den unbekannten Spender. „Alles umsonst!“, verdeutlicht er, seine Frau bedeutet mir, mich tief zu verbeugen. Er will lieber die Hand schütteln und reicht mir seine Linke. Er hat nicht nur meinen Kabayaki bezahlt sondern auf seine Rechnung noch eine zweite Spezialität für mich bestellt.

Außerdem reicht er mir seine Visitenkarte. Ihm gehört ein Musikgeschäft, er ist Musikproduzent oder Musiker. „Music“, war das einzige Wort, dass er in diesem Zusammenhang beherrschte. Er hat mich. Ich sitze bereits ihm zugewandt, esse den neuen Aal und befördere nun auch die restlichen Speisen an den neuen Platz. Die meiste Zeit schweigen wir uns an, überlegen, was wir wie ausdrücken können oder wenden uns an seine Frau, die für jeden Ausdruck die richtige Geeste mit den Armen formen kann.

Ich wende mich an die Bedienung, ich möchte, ganz der Deutsche, ein Bier ausgeben. Die Bedienung schaut mich an, verbeugt sich leicht und wendet sich an meinen Gönner, die Auswahl des Bieres liegt bei ihm, da er bezahlt. Mit der Rechnungskarte wurde mir jegliches Recht auf eigenständige Bezahlung genommen. Er wählt einen Liter des bestes Hausbieres, das umgehend gebracht wird. Soviel zum Ausdruck meiner Dankbarkeit, ich habe mir auf seine Kosten ein Bier bestellt.

Ich verbeuge mich so oft und so lange, bis mir der Nacken schmerzt. Der Mann hat mir soeben Essen und Getränke im Wert von 65 Dollar spendiert und mein Kabayaki-Erlebnis zu etwas Besonderem gemacht. „No bill“, sagt seine Frau, er nickt und verdeutlicht dieses. Er macht die überall auf der Welt bekannte Geeste für Geld, indem er Zeige-,Mittelfinger und Daumen reibt und diese dann quasi durch eine Öffnung der Hand auflöst. Kein Geld. So einfach ist das.

Beim Aufstehen wankt er leicht und muss sich auf einen Stuhl stützen. Zwei Flaschen Sake und eine Flasche Bier haben wir zusammen geleert, er ist nicht nüchtern ins Restaurant gekommen. Wir reichen uns noch einmal die linken Hände, verbeugen uns, seine Frau bittet ein letztes mal um Verzeihung. Ich übersetze mit Google „Thank you very much“ ins Japanische und zeige es ihm. Er weißt auf seine Visitenkarte neben ihm.

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Als die beiden weg sind, esse ich langsam meinen zweiten Aal auf. Witzig, wie das Leben so spielen kann. Ich werde von der im Kimono bekleideten zum Ausgang geführt und stelle mich an den Shinobazu See. Während ich so Koi-Karpfen und Schildkröten vor der Kulisse des Tempels beobachte, denke ich darüber nach, wie ich mich revanchieren könnte. Ich habe vor ihm eine Mail zu schicken, irgendwo ist die Karte dann doch verschwunden.

Journalist und Ehemann, Liebhaber von schneller Fortbewegung aller Art zu Lande zu Wasser und in der Luft. Gesetzeslückenfreund, Sportschütze und Naturbursche, emehaliger NWZ-Volontär.

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