Nordisch unterwegs

Das Kakao-Kribbeln

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Ich spür ein Kribbeln im Bauch! Nein, verliebt bin ich nicht. Das Kribbeln kommt vom Kakao, den ich in Hamburg genießen durfte. Eins schon vorne weg: Wir reden hier nicht von heißer Schokolade, sorry für jeden, der sich jetzt auf eine Schokoladen-Story freute. Aber die Wunderpflanze Kakao kann viel mehr.

„Kakao ist eine Heilpflanze“, macht Christine Dohler aus Hamburg ihren Teilnehmern klar. Wir sind sieben Frauen, sitzen in einem Kreis, in einer Yogaschule mitten in der Hansestadt, es ist ein Sonntagnachmittag. Christine erzählt uns etwas über Kakao, im Hintergrund läuft leise Musik. „Mir war anfangs nicht klar, das Kakao eigentlich so gesund ist,“ sagt Christine. In der normalen Schokolade sei wesentlich mehr Zucker als Kakao. „Ein Prozent Kakao steckt da meistens nur drinnen. Wir werden gleich 100 Prozent trinken.“ Vier Stunden voller Kakao, Meditation, Konversation und Herumalbern warten jetzt auf mich.

Erster Schritt: Einschenken

Während jede von uns einen Becher  bekommt, erzählt Christine, wie sie ihn zubereitet. „Dieser Kakao kommt aus Peru. Er wird auf nicht mehr als 40 Grad erhitzt. Mit Wasser verrührt und langsam geschmolzen.“ Das war’s. Keine Milch, kein Zucker. Ich mache mich auf einen bitteren Geschmack bereit. In der Mitte vor uns stehen Süßungsmittel wie Honig oder Kokosblütensirup und Gewürze, die laut Christine zum Geschmack des Kakaos passen: Zimt zum Beispiel.

(Foto: Romy Geßner Fotografie)

Kennenlernen, die anderen und den Kakao

Leicht krümelig… und bitter, erdig und warm – so schmeckt der erste Schluck. Doch was mache ich hier eigentlich? Alle Teilnehmerinnen stellen sich kurz vor und sagen, warum sie da sind: „Wer liebt Kakao nicht?“, „ich bin neugierig“, „ich habe diesen Kurs hier geschenkt bekommen“, kommen als Antworten. Der Kakao wirke bei jedem anders, sagt Christine. „Mich macht er klar im Kopf, ich werde durch ihn wacher“, meint sie. Oft genug habe sie es aber auch schon erlebt, dass Teilnehmer müde wurden, sogar in den folgenden Meditationen tief einschliefen. Schon einen Tag vor dem Kurs erhielten wir Instruktionen: Kein Alkohol, kein Kaffee, kein voller Magen und viiiel Wasser trinken. „Kakao hat eine Detox-Wirkung.“ Wenn man nicht genügend trinke, sei am nächsten Tag Kater-Feeling angesagt. Das will hier keine, deshalb leert sich die Wasserkaraffe in der Mitte fast minütlich. Wir reden, die Stimmung wird lockerer und in meinem Bauch fängt es an zu kribbeln. Ich merke, wie sich mein Körper entspannt. Gleichzeitig ist da dieses Kribbeln, diese Energie. „Antioxidantien, Magnesium, Eisen, Zink und Vitamin C sind nur einige der gesunden Bestandteile in Kakao“, verrät Christine. Dazu kommt, dass dieser die Dopamin- und Serotonin-Ausschüttung im Gehirn verstärke.

Kakao in Island

In Island hat Christine zum ersten Mal unter Kakao-Einfluss meditiert. Bei Island denke ich nicht gleich an Kakao. Eigentlich erinnert nichts in diesem Land an die Pflanze aus den Tropen.

Während einer ihrer Reisen besuchte Christine eine Meditationsgruppe im Land der Geysire. „In dieser Gruppe meditierten die Menschen und tranken zwischendurch Kakao. Da bin ich neugierig geworden“, sagt die 36-jährige Hamburgerin die, wenn sie nicht gerade Kakao-Seminare leitet, als freie Journalistin tätig ist. Von der Gruppe auf Island ließ sie sich inspirieren, kopiert hat sie das Ritual aber nicht. In Hamburg gestaltet sie ihr eigenes. „Jeder macht da sein Ding draus. Es gibt andere die musizieren dazu, oder tanzen. Ich kombiniere Kakao mit Meditation.“

( Nach innen konzentriert: Christine Dohler. Foto: Freya Adameck)

Einfach Zen

„Bei der Zen-Meditiation ist die Erdung wichtig. Ihr solltet entspannt sitzen können“, sagt Christine. Wir alle rutschen auf unseren Kissen herum. Einige sitzen im Schneidersitz, andere auf Knien. Christine holt ein Meditations-Bänckchen hervor und eine Teilnehmerin macht es ihr gleich. Das entlaste die Knie, verrät sie. Wenn die Knie „fliegen“, beim Schneidersitz also nicht auf dem Boden zum Liegen kommen, sei es besser sie abzupolstern. Christine leitet durch die Meditation, aber ohne Zwang.

Im Zen konzentriere man sich auf ein ganz bestimmtes Kraftzentrum im Körper: Das befindet sich etwa vier Finger breit unter dem Nabel, im Unterbauch. Ich habe selbst schon oft meditiert. Und doch ist diesmal etwas anders. Während mein Körper ungewohnt schnell in Tiefenentspannung geht, fühlt es sich gleichzeitig so an, als könnte ich Bäume ausreißen. Eine Menge Energie sprudelt durch mich hindurch. Ist das jetzt der Kakao?

Spirituelle Generation

Als Meditationstrainerin hat sich Christine auf die Zen-Meditation spezialisiert. Sie arbeitet überwiegend mit jungen Menschen – zum Beispiel in Studentenkursen. „Ich finde es wichtig, dass junge Menschen schon früh ihren eigenen Weg gehen.“ In der jungen Generation sieht sie viel natürliches Verständnis für spirituelle Themen. „Die öffnen sich dafür, weil sie verstehen, dass es im Grunde nur heißt, dass man bei sich bleibt. Dass es eigentlich keine Arbeit bedeutet, spirituell zu sein.“

Nach der Meditation, die ungefähr eine halbe Stunde dauert, berichten die Frauen ganz von alleine von ihren Eindrücken. „Ich war erstaunt, wie entspannt ich auf diesem Stühlchen sitzen konnte“, sagt eine der Frauen. „Als es daran ging, in das eigene Herz zu schauen, habe ich mich an ein anstrengendes Gespräch erinnert, dass ich gestern führte. Und ich konnte einen Teil der Lösung in meinem Herzen erkennen. Dass es eine Lösung gibt, die da schon auf mich wartet“, erzählt eine andere. Zwischendurch ziehen die Frauen Tarot-Karten und schauen sich die Bedeutungen an. „Ich habe Mut gezogen. Das passt, ich muss gerade in meinem Leben sehr mutig sein“, sagt eine Frau lachend.

Die Sprechübung

„Ihr übt, von Herzen zu sprechen und von Herzen zu geben“, sagt Christine zu uns. Eine Übung steht an: Wir finden uns in Paaren zusammen. Eine von uns wird jetzt zehn Minuten am Stück sprechen, die andere nur zuhören. „Es geht darum, herauszufinden, was ist Mitgefühl und was Mitleid“, erklärt Christine. Wir sollen spontan das aussprechen, was uns in den Sinn kommt. Keine Aufmerksamkeit darauf verschwenden, wie der andere das Gesagte wohl bewerten wird. Einfach sprechen. Und der andere bekommt eine ebenso herausfordernde Aufgabe: Teilnahmslos zuzuhören. Kein Nicken, kein „Aha“, kein „Ja, ich verstehe dich“ oder „das verstehe ich nicht“. „Der Zuhörende macht dem Sprechenden ein wunderbares Geschenk, indem er einfach in offener Präsenz dasitzt und den Moment teilt“, sagt Christine. Nach den zehn Minuten wird getauscht.

Meine Erfahrung: Nach zwei Minuten schließe ich den Monolog über meine Gefühlswelt ab. Dann blicke ich in die Augen meiner Gesprächspartnerin und merke: Hey, da ist wirklich jetzt ein Wesen, dass mich eigentlich nicht kennt, eigentlich keinen Grund hat, mir zuzuhören, keine Ahnung von meinen Problemen hat und mir auch in keiner Weise helfen kann und trotzdem hört es mir zu. Und ich spüre, dass das Wesen den Raum hält, in dem ich erzählen kann.

(Kakaobohnen sind ein guter Snack. Foto: Freya Adameck)

Zuhören ist schwer

Kein „Hmm“ und auch kein Lächeln – beim Zuhören absolut neutral zu bleiben, ist für mich sehr schwierig. Meine eigene Mimik soweit zurückzufahren, das fühlt sich für mich seltsam an. Wirke ich jetzt nicht viel zu ernst? Ich will die andere doch ermutigen, weiter zu sprechen.

Aber genau darum geht es, sich selbst ganz zurück zu nehmen. Der anderen Person das Feld komplett zu überlassen. Die Rede nicht zu manipulieren. Zuhören ist manchmal ganz schön fordernd, merke ich. In den Moment der Erzählung eines anderen komplett einzutauchen und alles andere auszublenden, ist ein Challenge, der ich mich aber gerne auch weiterhin stellen werde.

Nach dieser Übung folgen eine Schlafmeditation und weitere Gespräche. Mittlerweile wirken alle Teilnehmer wie alte Bekannte. Wir reden über Schicksalsschläge, Herzensentscheidungen, manch eine schweigt nur, hängt den Gedanken nach. Ein kleines Spezial sind die Kakaobohnen, die Christine als Snack präsentiert. Diese schmecken fast noch besser als der flüssige Kakao. Wir albern weiter herum, ziehen verrückte Tarot-Kombinationen, unterhalten uns.

Gut für Leber und Niere

„Macht heute nur noch einen ruhigen Abend. Kurz spazieren in der Natur wäre gut und dann ein ordentliches Abendessen.“ Kakao rege Leber und Niere an und spühle alle Spannungen aus dem Körper, erklärt Christine. Anstrengende Gespräche und lange U-Bahnfahrten seien jetzt auch nicht angebracht. Wir sind am Ende des Rituals angekommen.

Einige Teilnehmer kommen auf Christine zu und kaufen sich eine Packung Kakao. Der kommt wahlweise aus Peru, Guatemala oder Bali. Bei allen Orten steht Christine in engem Kontakt zu den Händlern. Sie besucht sie oft, vergewissert sich, dass die Pflanzen gut wachsen. „Der aus Guatemala ist dabei der stärkste, Peru so medium und der aus Bali etwas sanfter“, sagt die Hamburgerin.

(Christines Kakao-Pulver, Foto: Freya Adameck)

Fokuserweiterer

„Kakao ist ein Fokuserweiterer.“ Was Christine damit meint: „Alles, was man unter Kakaoeinfluss macht, wird verstärkt. Er macht einen klaren Kopf und ein offenes Herz. Es gibt Leute, die tanzen zu Kakao, andere schreiben, meditieren oder malen.“ Mit Psychopharmaka vertrage sich die Bohne nicht so gut, ähnlich wie mit anderem: „Ich kenne viele, die anfangen Kakao zu trinken und aufhören Kaffee, Alkohol und Zucker zu konsumieren. Das kommt automatisch, weil sich das nicht verträgt“, berichtet Christine, bei der es genauso war.

Christine steht mit ihren Kakao-Kursen noch am Anfang. Viele Ideen schwirren ihr im Kopf herum. „Mittlerweile werde ich in ganz Deutschland angefragt“, sagt die 36-Jährige. Im Sommer darf sie den Opener bei einem Techno-Festival in Passau machen. Die Einladung überraschte sie selbst: „Das fand ich total super. Als besinnlichen Auftakt, bevor die laute Musik losgeht, ist das bestimmt cool.“

Eine Woche danach

(Foto: Christine Dohler)

Ich habe mir bei Christine ein Päckchen Peru-Kakao gekauft und mache mir zum ersten Mal selbst eine Tasse. Ziemlich krümelig wird das ganze, und bitter. Vielleicht habe ich zu viel genommen? Zack, eine halbe Stunde später war ich eingeschlafen. Anders, als bei Christine wirkt der Kakao auf mich eher ermüdend und mich lässt der Gedanke nicht los, als würde man etwas gelöster sein, wie nach einem Glas Wein. Gut, dass wieder Sonntag ist, da kommt so ein Mittagsschlaf genau richtig.

Namasté, eure Freya

PS: Es gibt euch einen Beitrag von Tide TV zum Kakao-Ritual.

Freya Adameck

Liebt Yoga, Schwarztee, Reisen, Katzen, Kunst, Philosophie, Ausschlafen, die Farbe Blau, Feigen, Popcorn, Kernseife, Kuschelsocken und vieles mehr. Hasst Mathe, Spinat, die Farbe Pink, Bier, Schlagermusik und beim Gehen zu trinken.

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