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Box-Training: Schlag um Schlag

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Was für eine brüllende Hitze – das ist mein erster Gedanke, als ich auf den Sportplatz des TV Jahn in Delmenhorst trete. Dort werde ich von Trainer Ralf Carus empfangen. Gleich beginnt hier das Box-Training und da soll ich mitmachen. Viele Gedanken habe ich mir im Vornherein nicht gemacht – so schlimm kann es ja nicht werden. Wie falsch ich doch lag…

Carus begrüßt mich und es geht direkt zur Sache. „Wie fit bist du? Hast du gesundheitliche Probleme? Und hast du an deinen Mundschutz gedacht?“, fragt er. „Geht so“, „Nein, habe ich nicht“, „Ja, habe ich“. Allerdings muss der Schutz noch an mein Gebiss angepasst werden. Dafür muss er in heißes Wasser gelegt werden. Zum Glück habe ich wenigstens vorher noch daran gedacht, welches zu kochen und in einer Thermosflasche mitzubringen – an etwas zu trinken für mich habe ich allerdings nicht gedacht. Naja, wird schon gehen.

Aufwärmen bei 30 Grad im Schatten

Für klarnordisch beim Boxtraining des TV Jahn in Delmenhorst: Chelsy Haß (Bild: Claus Hock)
Aufwärmen bei 30 Grad im Schatten (Bild: Claus Hock)

Verschiedene Fragen schießen mir durch den Kopf: Ob ich heute direkt eins auf die Nase bekomme? Wie weh wir das tun? Warum habe ich vorher nicht über das Für und Wider nachgedacht? Vielleicht, weil ich sonst gekniffen hätte. Auf dem Sportplatz des TV Jahn am Delmenhorster Stadion macht sich, während ich noch mit meinem Mundschutz beschäftigt bin, die zehnköpfige Gruppe bereit, die hier gleich boxen wird – und ich mittendrin, als blutige Anfängerin. Hier trainieren Frauen und Männer zusammen. „Du hast echt noch nie geboxt?“, fragt eine. „Das wird lustig“, sagt ein anderer. Davon bin ich noch nicht so ganz überzeugt. Aber erstmal müssen wir uns aufwärmen. Hampelmann, Liegestütze und Kniebeugen – ein Glück trainieren wir draußen, denke ich mir. Die Hitze ist erdrückend.

Auf die Deckung achten

Dann geht alles ganz schnell. „Hier, die Handschuhe kannst du anziehen“, erklärt Carus mir. Er hilft mir dabei, meine Hände und Handgelenke zu bandagieren, und zieht mir die Box-Handschuhe an. Er zeigt mir den Unterschied zwischen Führ- und Schlaghand und auch, wie ich mich hinstellen soll: „Der Fuß deiner Führhand steht immer vorne, der andere diagonal dahinter. So bleibst du, auch wenn du dich nach vorne oder nach hinten bewegst.“

Für klarnordisch beim Boxtraining des TV Jahn in Delmenhorst: Chelsy Haß (Bild: Claus Hock)
Für klarnordisch beim Box-Training des TV Jahn in Delmenhorst: Chelsy Haß (Bild: Claus Hock)

Das Training beginnt. Wie gemein, denke ich, bei den Partnerübungen habe ich den Trainer abbekommen. Auf der einen Seite erklärt er mir alles ganz genau – die Deckung oben halten, damit Gesicht und Bauch geschützt sind, die Schultern hochziehen und das Kinn auf die Brust setzen – auf der anderen Seite weiß Carus, was er tut und haut ganz schön kräftig zu, wie ich wenig später feststelle. Er zeigt mir zunächst ein paar einfache Kombinationen. Abwechselnd soll ich mit der Führ- und mit der Schlaghand zuhauen, direkt in seine Handschuhe. Dabei soll ich die Hüfte eindrehen, um dem Ganzen mehr Druck zu verleihen. Auch den Diagonalschritt zeigt er mir. Dabei schlage ich zweimal mit der Führhand zu. Dann, während meine Schlaghand nach vorne schnellt, weiche ich einen Schritt nach links aus, um einem Gegentreffer auszuweichen. „Pass auf deine Deckung auf, dein Gesicht ist komplett frei“, ruft er.

Runde 1: Schon fast K.O.

Was im Fernsehen so einfach aussieht, ist absolut schweißtreibend und auch für den Kopf wirklich, wirklich anstrengend. Ich muss mich auf so vieles gleichzeitig konzentrieren und bin komplett überfordert. Wie halte ich meine Hände noch mal? Die Puste geht mir aus. Endlich ertönt ein Signal – eine Minute ist um. So lange dauert eine Trainingsrunde und die kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Jetzt ist Trainer Ralf Carus dran und ich muss seine Schläge mit meinen Box-Handschuhen abfangen. Das ist ein merkwürdiges Gewühl. Ich bin es nicht gewohnt „geschlagen“ zu werden und mit meinem Körpergewicht gegen den Aufprall zu halten. Nach einigen Durchgängen fühlt sich dieses „Gerangel“ nicht mehr ganz so fremd an. Trotzdem ist es ziemlich gewöhnungsbedürftig. Hinzu kommt, dass ich mich automatisch wegducken möchte, sobald so eine gepolsterte Hand auf mich zukommt. Und das erkennt man in meiner Haltung und definitiv auch in meinem Gesichtsausdruck.

Eine Frage der Schnelligkeit

Für klarnordisch beim Boxtraining des TV Jahn in Delmenhorst: Chelsy Haß (Bild: Claus Hock)
Pause beim Box-Training (Bild: Claus Hock)

Puh, geschafft. Wir machen eine Pause und ich trinke einen großen Schluck Wasser. Wenn es nach mir geht, könnte das Training jetzt zu Ende sein – ich bin völlig ausgepowert. Vorbei ist es aber noch lange nicht. Jetzt muss ich gegen einen der anderen antreten. Wir müssen „ticken“. Das heißt, wir müssen versuchen, durch die Deckung des Gegenübers an die Schulter zu gelangen. Wie ich das mit meinen schweren Armen und Beinen noch hinkriegen soll, ist mir ein Rätsel. Als Erstes steht mir eine Frau gegenüber, die genauso schwitzt und prustet wie ich. Gar nicht so leicht, durch ihre Deckung zu kommen, denke ich mir, während ich von ihr an der Schulter getroffen werde. Das kann doch nicht so schwer sein, murmele ich vor mich hin. Ist es aber. Ziemlich schwer sogar! Denn egal was ich tue, wie sehr ich mich anstrenge oder wer mir gegenüber steht – jedes Mal bin ich zu langsam und werde getroffen.

Das Ende – Sparring oder: Stehend K.O.

In den letzten Minuten des Trainings soll mein Mundschutz endlich zum Einsatz kommen. Ich soll gegen jemanden kämpfen. Ohne, dass ich weiß, wie und wo er zuschlagen wird. Das nennt sich Sparring, wie Carus mir erklärt. Bei der Vorstellung wird mir ein bisschen schlecht – da muss ich jetzt durch. Eine Minute soll der Kampf gegen eine Boxerin des TV Jahn dauern. Alle anderen bilden einen Kreis um uns herum. Wir schlagen unsere Handschuhe freundschaftlich gegeneinander und los geht’s. Links, rechts, links – bloß die Deckung oben halten. Alle anderen feuern uns an und ich möchte, dass alles ganz schnell vorbei ist. Mein Gegenüber bewegt sich zu schnell, da komme ich nicht hinterher und kassiere einen Schlag nach dem anderen.
Dann ertönt das Signal. Die Minute ist vorbei. Ich habe nicht einmal mehr die Kraft, meine Arme zu heben. Der Schweiß läuft mir in die Augen und ich bin unendlich müde. Ich stehe zwar noch, aber „Sieg durch K.O.“ kann sich meine „Gegnerin“ getrost auf die Fahnen – oder die Boxhandschuhe – schreiben. Das Training ist vorbei. Alle Anspannung fällt von mir ab. Trotz meiner Müdigkeit bin ich geradezu euphorisch – was für ein tolles Gefühl. „Das hast du fürs erste Mal nicht schlecht gemacht“, sagt Ralf Carus und klopft mir auf die Schulter. „Die nächsten Male wird das alles einfacher“, meint er. Die nächsten Male? Erst muss ich mich von diesem Training erholen. Spaß hat es trotz aller Anstrengung gemacht.

Impressionen vom Box-Training

Chelsy Haß

Chelsy, nicht Chelsea oder Chelsey. 24 Jahre alte Volontärin der Nordwest-Zeitung mit ostfriesischem und (süd)amerikanischem Migrationshintergrund. Studiert habe ich im schönen Münster, und zwar Germanistik und Italienisch. Ansonsten bin ich ein Opfer meiner Generation - Stichwort Popculture und Smartphonesucht. Ich versuche aber der schleichenden Verdummung zu entkommen.

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