Nordisch gesehen

Blues, Rock, Folk etcetera: Das ist ja sooo Siebziger

Google+ Pinterest LinkedIn Tumblr

Ungefähr bis zu meinem Abitur wollte ich partout nicht einsehen, dass auch Künstler, die ihren Durchbruch erst nach 1979 erlebt haben, passable Musik machen können. Ich verwehrte mich jeglicher zeitgenössischen Musik und hielt mich vorzugsweise neben meinem Plattenspieler auf. Diese Playlist der Woche zeigt einen Teil dessen, was aus jener Zeit hängen geblieben ist. Viel Spaß mit Blues, Rock, Folk, ein bisschen Country – und ganz viel Gitarre.

Pink Floyd – Comfortably Numb (1979)

Wenn sich  das Gedankenkarussell wieder mal zu schnell dreht,  die Welt sich gegen dich verschworen zu haben scheint, dann empfehle ich Folgendes: Schnapp dir das legendäre Pink-Floyd-Album „The Wall“,  lege davon die zweite Platte auf den Plattenspieler, setzte die Nadel auf den letzten Song, lass dir (wenn möglich) die Sonne aufs Gesicht scheinen, schließe die Augen  – und alles ist gut. Comfortably Numb ist auch hervorragend zum Autofahren. Dann aber das mit dem Augenschließen lieber bleiben lassen.

Auch hören: Das ganze Album von vorne bis hinten. (Ist nämlich ein Konzeptalbum. Da gehört sich das so.)

 

The Rolling Stones – Gimme Shelter  (1969)

Bis ich 17 war, wollte ich von den Rolling Stones nicht allzu viel wissen. Die Beatles mochte ich lieber, vor allem George und John. Und plötzlich, von einem Tag auf den anderen, kehrte sich der Spieß um. Ich weiß nicht mal,  warum. Vielleicht, weil ich irgendwo gelesen hatte: „Während die Beatles ‚Let it be‘ sangen, hieß es bei den Stones ‚Let it bleed‘“ (oder so ähnlich). Jedenfalls freute sich mein Vater (größter lebender Stones-Fan, glaube ich), dass bei der Tochter doch nicht Hopfen und Malz verloren waren und zu meinem 18. (und seinem 50.) Geburtstag fuhren wir zum Stones-Konzert nach Stuttgart. Die Faszination für „Gimme shelter“ kam dann erst mit dem wundervollen Film „Twenty feet from Stardom“ über die starken Stimmen von Backgroundsängerinnen. Unbedingt gucken!

Auch hören: Paolo Nutinis Cover; Trailer zu „20 Feet from Stardom

 

George Harrison – Give me love (1973)

Ja, und während die Stones „Gimme Shelter“ sangen, fragte George Harrison nach Liebe und Weltfrieden. Das ist ja auch nicht verkehrt und fragen wird man ja wohl noch dürfen.

Give me love
Give me love
Give me peace on earth
Give me light
Give me life

Was gibt’s dazu noch zu sagen beziehungsweise zu wünschen?

Auch hören: My Sweet Lord; Something (von den Beatles, geschrieben von George Harrison) das Konzert für Bangladesh

Fleetwood Mac – Dreams (1977)

Schon wieder ein Konzeptalbum, oder zumindest so was in der Art: Auf „Rumours“ verarbeiteten die vier der fünf Bandmitglieder von Fleetwood Mac ihre Trennung von jeweils einem anderen Bandmitglied. Also, Christine und John McVie hatten sich voneinander getrennt,  genauso Stevie Nicks und Lindsey Buckingham. Nicht die besten Voraussetzungen für ein fröhliches Album. Aber wer hat denn gesagt, dass gute Musik aus Friede, Freude, Eierkuchen entsteht? Ich ganz bestimmt nicht. Rumours has it jedenfalls, dass „Dreams“ Stevie Nicks‘  optimistischeres Gegenstück  ist zu Lindsey Buckinghams auf demselben Album erschienenes „You can go your own way“ (kennt man aus „Forrest Gump“…)

Auch hören: Na, eben:  You can go own your way! Und: Songbird (hiervon auch das Cover von Eva Cassidy)

 

Rory Gallagher – Till I Fall Apart (1971)

Mit 19 verbrachte ich ein halbes Jahr als Aupair in Irland. Die Familie wohnte in einem Vorort von Cork, der zweitgrößten Stadt Irlands im Süden des Landes. Eines Tages erzählten sie mir, dass Rory Gallaghers Mutter gleich um die Ecke wohne. „Rory who?“, fragte ich, und erfuhr dann, dass dies einer der ganz Großen unter den irischen Musikern war. Sogar die Rolling Stones hatten auf der Suche nach einem neuen Gitarristen bei ihm angeklopft. Deep Purple auch. Und Rory Gallagher? Hatte keine Lust und sagte „No, ta“. Wer Blues-Rock mag, wird Rory lieben.

Auch hören: Going to my hometown

 

Carly Simon – You’re So Vain (1972)

Ein schönes Lied über eitle Rockstars. Diese Zeile sagt eigentlich schon alles:

You’re so vain. You probably think this song is about you.

Mick Jagger soll sich angeblich nicht von den Zeilen angesprochen fühlen (auch wenn immer wieder darüber spekuliert wurde). Stattdessen gibt er in diesem Falle mal den Backgroundsänger. Gar nicht eitel, sondern ganz schön bescheiden, möchte man meinen!

 

Johnny Cash – Man in Black (1971)

Ich geb’s zu: H-Blockxs Cover von „Ring of Fire“ war der erste Song von Johnny Cash, den ich je gehört habe. Das muss so um das Jahr 2000 gewesen sein. Damals habe ich wahrscheinlich noch Bravo gelesen und freitagabends die Charts auf MTV verfolgt. Oder war das VIVA? Egal. Vier, fünf Jahre später jedenfalls fing ich dann an, mich für die einzig wahren Songs des Man in Black zu interessieren – die von ihm selbst interpertierten. Schuld daran hatte wiederum der wundervolle Film mit dem wundervollen Joaquin Phoenix über Johnny Cashs Leben und seine Liebe zu June Carter. Könnte man eigentlich mal wieder angucken.

Auch hören: A Boy Named Sue; Folsom Prison Blues; Girl from the North Country (mit Bob Dylan)

 

Neil Young – Hurricane (1977)

Auf einer WG-Party diskutierten wir darüber, ob es eher die Lyrics sind oder die Musik, was uns an einem Lied berührt. Ich war für Lyrics und begründete es – etwas naiv – damit, dass Leonard Cohen ja mein Lieblingssänger sei und er mehr Dichter als Sänger sei und mich deshalb eindeutig der Text mehr mitnimmt  als die Musik. Rasmus konterte mit Neil Youngs Hurricane und den Worten: „He’s crying with his guitar!“. Okay, überzeugt. Der Heulkrampf beginnt bei 2:23. Und das Lied dauert gute acht Minuten.

Auch hören: Harvest Moon; Heart of Gold

 

Don McLean – American Pie (1971)

Noch so ein amerikanisches Musiker-Juwel, auf das ich über ein Cover aufmerksam wurde. Auch um 2000. Dieses Mal war’s  die Queen of Pop: Madonnas „American Pie“ fand ich super mit zwölf. Bis mich meine Mutter darüber aufklärte, dass die Originalversion von Don McLean stammt und mit mir zusammen ihre erste Platte ever anhörte (das Album heißt, wie der Song, „American Pie“). Das war der Moment, in dem ich mich auf die Spuren von Mamas Musikgeschmack machte. Die Siebziger spielten dabei eine auch in dieser Playlist nicht zu überhörende Rolle.

Am 2. Oktober tritt Don McLean übrigens in Hamburg auf, am 10. Oktober in Groningen.

Auch hören: Vincent

 

 Lou Reed – Perfect Day (1972)

Just a perfect day
Drink sangria in the park
And then later
When it gets dark, we go home

Just a perfect day
Feed animals in the zoo
Then later
A movie, too, and then home

Oh, it’s such a perfect day
I’m glad I spent it with you
Oh, such a perfect day
You just keep me hanging on

Geht’s denn noch schöner, bitte?!

Auch hören: Walk on the Wild Side; Heroine

 

Janis Joplin – Piece of My Heart (1968)

An dieser Stelle entern wir kurz das Woodstock-Gelände: Mit Janis Joplin konnte ich lange Zeit nicht so viel anfangen. Das heißt, ich hab sie einfach nicht beachtet. Bis mein Vater mir eines Tages, als ich in den Semesterferien auf Heimaturlaub war, eine Woodstock-DVD  mit der Frage „Lust, ein Filmchen zu gucken?“  unter die Nase hielt. Danach war ich überzeugt von Janis Joplins Talent.

Auch hören: Me and Bobby McGee (auch das softige Original von Kris Kristofferson). Und besagte Woodstock-Doku (von Regisseur Michael Wadleigh, der vor wenigen Tagen beim Filmfest in Oldenburg vorbeischaute) anschauen.

 

Joe Cocker – With a Little Help from My Friends (1969)

Ein und dieselbe Dokumentation lösten bei mir auch eine Faszination für Joe Cocker aus, das heißt, hauptsächlich eine Faszination für seinen kongenialen Auftritt auf dem Woodstock-Festival. Und ganz konkret: eine Faszination für seine wilde Interpretation des braven Beatles-Songs “With a Little Help from my Friends”.  Wie der junge Joe Cocker da – sichtlich benebelt von legalen oder illegalen Substanzen – zuckt und hüpft,  lässt einen vermuten, dass er in dem Moment a little help from his friends nötig hätte. Was ein Glück, wenn man auf seine Freunde zählen kann:

What do I do when my love is away?
Does it worry you to be alone?
How do I feel by the end of the day?
Are you sad because you’re on your own?

No, I get by with a little help from my friends
Mm, get high with a little help from my friends
Mm, gonna try with a little help from my friends

Auch hören: Your are so beautiful, N’oubliez jamais; A Whiter Shade of Pale

Cat Stevens – Peace Train (1971)

Bevor er sich vor vierzig Jahren in Yusuf Islam umbenannte, hatte er auch schon einen merkwürdigen Namen: Cat Stevens – wer nennt sich denn bitteschön „Katze“? Dabei wurde er als Steven Demetre Georgiou  geboren und nannte sich zu den Anfangszeiten als Musiker zunächst Stevie Adams. Das sagt zumindest Wikipedia. Möglicherweise hatte er Identitätsprobleme. „Cat“ will er sich dann genannt haben, nachdem eine Freundin gesagt haben soll,  er habe Augen wie eine Katze. So so. Genug davon – es soll ja um Musik gehen. Die gefiel mir von Cat Stevens besonders zu meinen größten Möchtegern-Hippie-Zeiten, als ich so um die 17 war, mitunter barfuß zur Schule ging und vom Frieden träumte.

Now I’ve been happy lately
Thinking about the good things to come
And I believe it could be
Something good has begun
Oh, I’ve been smiling lately
Dreaming about the world as one
And I believe it could be
Someday it’s going to come
Hoffentlich ist bald „someday“. Sieht allerdings gerade nicht so sehr danach aus.
Auch hören: Wild World

Eric Clapton – Layla (1970)

Hierzu gibt es weder eine Anekdote noch fundiertes Hintergrundhalbwissen. Dieses Lied fand ich vor 15 Jahren schön und daran hat sich bis heute auch nichts geändert. Ganz einfach. Na ja, gut, einen Unterschied zu damals gibt es doch: Ich höre das Lied seltener, genauso wie andere Songs von Eric Clapton. Das wiederum könnte ich eigentlich mal wieder ändern.

Auch hören: Eric Clapton unplugged, Old Love, Tears in Heaven, Don’t Think Twice, It’s All Right mit Bob Dylan

Bob Dylan – Forever Young (1974)

Bob Dylan, der Literaturnobelpreisträger. Ich gehöre ja zu jenen, die dem großen Songwriter diesen Preis nicht so richtig gönnen wollten.  Keine Frage: Bob Dylans Texte sind großartig, ja, sind größtenteils wohl Poesie. Aber bevor einer, der alle großen Bühnen der Welt bespielt hat und sein Geld nun mal mit Musik verdient – und das nicht zu mager – diesen Preis erhält, sollten doch lieber mal einige  jener Autorinnen und Autoren, Dichterinnen und Dichter da draußen bedacht werden, die ihr Leben der Literatur verschrieben haben, nicht allseits bekannt sind und vielleicht weniger Starallüren haben. Jetzt bin ich abgeschweift. Bob Dylans Musik ist toll, er ist ein großartiger Songschreiber und überhaupt einer der besten Musiker, den wir hier noch haben – may you stay forever young, Bob!

Auch hören: To Fall in Love With You, Forever Young von AnnenMayKantereit und Wolfgang Niedecken

Leonard Cohen – One of us cannot be wrong (1967)

Und wenn ein Sänger den Literaturnobelpreis verdient hätte, dann sowieso nur einer: Leonard Cohen, der erst mit Anfang 30 trotz mäßigem Gesangstalent und nachdem er bereits mehrere Gedichtbände (z. B.  „Flowers for Hitler“) und Romane (z. B. „Beautiful Losers“)  veröffentlicht hatte, die Singer-Songwriter-Bühne betrat und bis zum Schluss viel mehr Poet als sonst irgendwas war. Nach seinem Tod vor fast zwei Jahren war ich tieftraurig, aber auch dankbar, dass ich den (meiner Meinung nach – bei Cohen kenne ich keine Objektivität mehr) größten aller Songwriter zweimal live sehen konnte. Ein Konzert von Leonard Cohen war nicht einfach nur ein Konzert, sondern mutete eher an wie eine heilige Messe. Hallelujah!

Auch hören: ALLES! Okay, ausgewählte Empfehlungen: Leonard Cohen live at the BBC, I’m Your Man, Hommage an Janis Joplin: Chelsea Hotel #2, Kein Song, aber Poesie: How to Speak Poetry

 

Nathalie Meng

Als Schwarzwaldmädchen geboren, in den vergangenen zehn Jahren jedoch häufig umgezogen, unter anderem nach Berlin, Leipzig, Barcelona. Und nun eben nach Oldenburg. Sagt nach wenigen Monaten im Nordwesten meist schon ganz automatisch "Moin". Mag Schafe, Schiffe und Seefahrerromantik - da kommt ihr die Nähe zum Meer in der neuen Heimat ganz gelegen. Aus ihrer alten Heimat vermisst sie allerdings hin und wieder eine richtige Butterbrezel und hügelige Laufstrecken. Hatte lange Angst vor ihrem dreißigsten Geburtstag. War dann gar nicht so schlimm.

Schreibe einen Kommentar