Nordisch aktiv

Auf Wallfahrt nach Telgte

Google+ Pinterest LinkedIn Tumblr

2.25 Uhr. Samstag. Das Weckerklingeln reißt mich unsanft aus einem unruhigen Schlaf. Ich bin für einen Moment hellwach. Es ist soweit. Die 166. Telgter Wallfahrt von Osnabrück nach Telgte steht bevor. Meine erste Wallfahrt. Ich spüre eine Mischung aus Anspannung, Vorfreude und Müdigkeit.

Mein Freund knipst sofort das Licht an. Schnell aufstehen und Zähneputzen. Mein Spiegelbild spricht Bände. Ich ziehe mich rasch an. Zum Glück habe ich meine Kleidung bereits am Abend zuvor sorgfältig ausgesucht. Wer möchte schon um diese Zeit nach den passenden Socken suchen?

Hinaus in die Nacht

Kaffee vor dem Start (Bild: Ellen Kranz)

In der Küche schlürfen wir einen heißen Kaffee. Dann geht es hinaus in die dunkle Nacht. Es ist kühl. Ich ziehe den Reißverschluss meines Pullovers hoch und fröstele dennoch. Wir schwingen uns auf unsere Räder und fahren zur Kirche in Osnabrück-Sutthausen. Ich schalte auf Autopilot. Spüre den kalten Fahrtwind auf meinen nackten Beinen. Warum hatte ich mich noch für eine kurze Hose entschieden? Der Mond scheint hell. Ein Mann geht mit seinem Hund spazieren. Nach rund zehn Minuten sind wir am Gemeindezentrum.

Das Wallfahrtsbuch im Gepäck

Es ist 3.15 Uhr. Herzlich werden wir begrüßt. Innen duftet es nach Kaffee. Ich trink lieber nichts mehr. Fröhlich reden die rund 25 Menschen miteinander. Manche gehen seit Jahrzehnten zur Wallfahrt, sind alte Hasen und erzählen Anekdoten. Ich bekomme ein Wallfahrtsbuch mit Liedern und Gebeten.

Wallfahrtsbuch (Bild: Ellen Kranz)

3.40 Uhr. Es ist an der Zeit, aufzubrechen.  Wir schummeln ein wenig. Die ersten paar Kilometer fahren wir mit einem Planwagen nach Oesede in Georgsmarienhütte. Dort treffen wir dann auf den Pilgerzug, der aus Osnabrück kommt. Der Traktor fährt langsam durch die nachtschlafende Stadt. Nur wenige andere Autos sind auf den Straßen. Alle im Wagen unterhalten sich angeregt. Ich bin müde. Denke an mein warmes Bett. Langsam dämmert es am Horizont.

Der Motor des Treckers verstummt. Wir sind da. „Alle aussteigen“, vernehme ich. Ich springe vom Wagen und wieder spüre ich die Kälte. Ich zittere, schlinge die Arme um meinen Oberkörper und hüpfe ein wenig auf und ab. Dann stelle ich mich an den Straßenrand. Die Polizei hat die Oeseder Straße bereits abgesperrt. Die Mitglieder einiger anderer Gemeinden gesellen sich ebenfalls dazu, um sich nachher schnell in den Pilgerzug eingliedern zu können. Denn angehalten oder gewartet wird hier nicht. Die Wallfahrer, die bereits in Osnabrück starten, gehen die gesamte Strecke. 48 Kilometer.

„Nur noch“ 40 Kilometer

 4.30 Uhr. Unser Weg ist nur noch 40 Kilometer lang. Nur noch. Ich atme tief ein und aus. Dann sehe ich die ersten Menschen. Mit Fahnen, Kreuzen und kleinen Büchern kommen sie die Straße entlang. Es sind bereits ein paar Tausend. Schon ziehen die ersten an mir vorbei. Singend. Es ist eine intensive Stimmung.

Ich atme erneut tief durch. Schließe kurz die Augen. Dann mischen wir uns in den Zug. Ich finde das Tempo, lausche dem Gesang. „Freu dich, du Himmelskönigin“. Ich kenne das Lied nicht. Es ist schön. Ich blicke mich um. Unter den Pilgern sind viele junge Menschen, stelle ich fest.

Mit dem Pilgerzug unterwegs (Bild: Ellen Kranz)

Gleich zu Beginn wurde mir gesagt, dass ich mich jederzeit zurückfallen lassen könne, wenn ich zu erschöpft sei und eine Pause brauche. Ich denke kurz an das Angebot. Dann gehe ich entschlossen und motiviert weiter.

Wir verlassen Georgsmarienhütte über die B 51 in Richtung Bad Iburg. Ein paar Reihen vor uns geht ein junger Mann mit grauem Kapuzenpullover. Um seinen Hals hängt ein Walkie-Talkie. Von Zeit zu Zeit klingelt es kurz. Dann sagt er eine Lied- oder Gebetsnummer und stimmt den Text an. Viele Menschen um uns herum singen oder beten mit. Ich höre zu, schweife in meinen Gedanken ab und singe mit, wenn mir etwas bekannt vorkommt.

Durch Bad Iburg

Als wir den Dörenberg hochgehen, wird mir erstmals warm. Eine kurze Pause folgt. Ich esse ein Käsebrot. Unterhalte mich kurz. Beobachte die Menschen. Weiter geht es nach Bad Iburg. Wir durchqueren die Altstadt. Erneut erklingt „Freue dich, du Himmelskönig“. Der Gesang hallt von den Häuserwänden wider. Es ist eine ergreifende Atmosphäre. Ich muss ein paar Mal schlucken. Einige Schaulustige sehen uns zu. Immer neue Pilger schließen sich dem Zug an.

Auf der Pilgerstrecke (Bild: Ellen kranz)

Wir verlassen Bad Iburg über die B 51 in Richtung Glandorf. Mittlerweile ist die Sonne aufgegangen. Erste Strahlen scheinen auf die Fahnen und Kreuze. Ich lausche den Gesängen und Gebeten. Teilweise werden sie im Wechsel gesungen oder gesprochen, erst rechts, dann links. Ab und zu werden sie auch zu einem Kanon, wenn die Gruppen vorne oder hinten früher oder später einsetzen. Ein „Vater unser“ spreche ich mit. Lasse meine Gedanken wieder schweifen, höre in mich hinein und habe Zeit, mich zu besinnen. Über das diesjährige Motto der Wallfahrt nachzudenken. „Suche Frieden“.

Die Wallfahrerin mit ihrem Freund (Bild: Ellen Kranz)

Auf beiden Seiten der Straße erstrecken sich nun Korn- und Maisfelder. Ein neuer Tag bricht an. An Wegkreuzen sind die Gelb-Weißen Fahnen der Telgter Wallfahrt angebracht. Die Stimmung ist fröhlich und gleichzeitig besinnlich. Mein Rücken tut ein wenig weh und ich spüre ein Ziehen in meinem Knie. Dennoch: Ich will weiter gehen und lasse mich von den Liedern ablenken. Beobachte immer wieder andere Wallfahrer. Was mag sie wohl auf den Weg führen? Schritt für Schritt geht es weiter.

Es ist 7.40 Uhr. Fast plötzlich ist es geschafft.  Ich entdecke das Ortsschild von Glandorf und die Kirchturmspitze. Wieder singen wir „Freue dich, du Himmelskönigin“. Mittlerweile kenne ich den Text ein wenig besser. Eineinhalb Stunden Pause, danach geht es weiter nach Telgte. Es ist noch ein langer Weg.

Doch für uns ist in Glandorf Schluss. Mein Körper macht nicht mehr mit. Um 9.26 Uhr liege ich wieder in meinem Bett. Ich bin glücklich und habe meinen Frieden gefunden. Meine erste Wallfahrt mitgemacht. Und vielleicht gehe ich irgendwann einmal die ganze Strecke.

Ellen Kranz

Geboren und aufgewachsen in Berlin, studiert in der Hauptstadt, Augsburg, Osnabrück und Alicante (Spanien) hab ich mit Oldenburg und dem Nordwesten eine zweite Heimat gefunden. Ich bin sportverrückt, mag Literatur und Kultur und bin immer für spontane Aktionen zu haben.

Schreibe einen Kommentar