Nordisch unterwegs

Angekommen auf dem Reggae Jam Bersenbrück

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Tiefe Bässe, Dreadlocks wohin man schaut und der süße Duft von äähhh Rumpunsch liegt in der Luft. Sobald ich den Zug nach einer knappen Stunde Fahrtzeit von Oldenburg aus in Bersenbrück verlasse, bin ich nicht mehr im Alltag. Mein Urlaub hat erst jetzt wirklich begonnen, mit diesem kleinen Schritt aus dem Zug heraus auf Gleis 3 des Bahnhofs. Es ist Mittwoch und ich will zum Reggae Jam-Festival.

Das beginnt erst am Freitag so richtig. Viele Besucher reisen aber schon Tage vorher an, und campen vor den Toren des Veranstaltungsgeländes. Ich mache das mit meinen Freunden auch seit Jahren so. Die fünf gemeinsamen Tage im Freien bedeuten uns viel. Es ist eine der wenigen Gelegenheiten im Jahr, in großer Runde zusammenzukommen und Zeit miteinander zu verbringen. Fast wie eine Art Familientreffen in der Heimat.

Seit 1994: Reggae Jam in Bersenbrück

Reggae Jam 2018: Flaschendeko am Pavillon (Bild: Wolfgang Alexander Meyer)
Reggae Jam 2018: Flaschendeko am Pavillon (Bild: Wolfgang Alexander Meyer)

Das Reggae Jam ist ein Festival, auf dem hauptsächlich die Musikrichtungen Raggae, Dancehall und Dub gespielt werden – und das bereits seit 1994. Die Veranstaltung läuft das gesamte Wochenende (3. bis 5. August) im beschaulichen Bersenbrück, einer circa 8000-Einwohner starken Samtgemeinde im Landkreis Osnabrück, aus dem die meisten meiner Freunde und auch ich stammen.
Besonders am Reggae Jam ist, dass das Festival nicht etwa auf einem Acker außerhalb des Ortes, sondern mitten in Bersenbrück selbst stattfindet. Im Klosterpark, in dem sich das Amtsgericht befindet, werden derzeit zwei große Bühnen und zahlreiche Stände aufgebaut, an denen die Besucher neben leckerem Essen (zum Beispiel das berühmte jamaikanische Jerk Chicken) und kühlen Getränken auch Kleidung, Platten und Merchandise-Produkte kaufen können.

Offizieller Beginn am Freitag

Auch wenn das offizielle Bühnenprogramm erst am Freitag beginnt, sind einige Besucher bereits zum Wochenbeginn angereist, habe ihre Zelte aufgebaut und bunte Fahnen gehisst.

Aber schon an Tag 0, am Donnerstag, spielen die ersten Acts. Nachdem der Subtone Circus das Warm-Up liefert, eröffnen Boomtown Shake Down das Festival. Am Freitag und Samstag folgen Acts wie MSF, Dougie Conscious, Home to Paris oder Kunterbunt. Auch am Sonntag ist noch Programm.

Das Campen ist auf verschiedenen Plätzen möglich, die seit Montag nach und nach für die Festivalgäste geöffnet werden. Mein Zelt steht bereits. Bei einer Tour über den Campingplatz habe ich verschiedene Besucher aus der Region getroffen, die berichten, warum sie schon vor dem eigentlichen Beginn angereist sind und was ihr Camp einzigartig macht.

Eine große Reggae-Familie

Bianca Schweers ist aus Varel gekommen und baut gerade ihr Zelt auf. „Ich bin schon zum vierten Mal hier“, sagt sie. Am besten gefallen der 38-Jährigen die Musik und das Essen. „Im letzten Jahr habe ich es etwas übertrieben“, gesteht sie. „Da habe ich in drei Tagen vier Kilo zugenommen. Der Rock, den ich am Anfang noch getragen habe, hat am Ende nicht mehr gepasst.“
Besonders schön sei aber auch, dass man immer wieder Bekannte treffe. „Das Festival ist ja nicht weit von zu Hause entfernt, irgendwen kennt man hier immer.“ Und dann zeigt Bianca mir ihr eigenes Klo, das sie mitgebracht hat. Eigentlich nicht besonders spektakulär, aber trotzdem einzigartig: Auf einen Plastikeimer hat die 38-Jährige eine Klobrille montiert. In den Eimer kann sie Katzenstreu füllen. „Perfekt, wenn das Dixi-Klo nebenan aussieht wie Sau“, erklärt sie.
Etwas weiter entfernt hat Robin seinen Bulli geparkt. Er ist mit seiner Freundin Gianina angereist.“Ich bin zum zehnten Mal hier“, sagt der 26-Jährige aus Vechta. Für ihn ist das Reggae-Jam wie Urlaub. „Die Leute sind entspannt und es ist schön, dass wir direkt am Flussufer campen“, freut er sich.

Bulli mit Ausblick

Reggae Jam 2018: Robin Meyer mit seiner Freundin Gianina auf dem Bullidach (Bild: Wolfgang Alexander Meyer)
Reggae Jam 2018: Robin mit seiner Freundin Gianina auf dem Bullidach (Bild: Wolfgang Alexander Meyer)

„Es ist schade, dass es immer mehr Kontrollen gibt. Früher war das hier alles entspannter aber da waren auch noch nicht so viele Leute da“, erinnert er sich und klettert auf das Dach seines Bullis. Auf dem Wagen hat er eine Holzplatte angebracht, von der aus er einen perfekten Ausblick auf den Campingplatz genießen kann. „Das haben nicht viele“, ist er sich sicher.
Einzgartig ist auch das Camp von Anna Papadimitriou aus Delmenhorst. „Wir haben einen Rollrasen, einen Staubsauger und eine Tischtennispalatte“, berichtet sie. Besonders einladend aber sind die aufblasbaren Sofas, auf denen ihre Freunde sitzen. „Ich bin seit 2003 fast jedes Jahr hier gewesen. Das Reggae Jam ist mit Abstand das schönste Reggae-Festival mit einem fantastischen Line-Up“, sagt die 35-Jährige.

Am besten gefallen ihr die Location mit den Bühnen auf der Wiese im Klosterpark. „Man merkt, dass die Organisatoren viel Leidenschaft in ihre Arbeit stecken.“ Das sei sicherlich auch einer der Gründe, weshalb die Besucher so freundlich und sauber sind. „Ich fühle mich gut aufgehoben. Etwas Schlimmes ist mir hier noch nie passiert.“
Mit dem Festival verbindet sie aber auch ein besonderes Ereignis in ihrem Leben. „Hier habe ich meinen Freund kennen gelernt“, schwärmt sie. Aber auch so sei das Reggae Jam für sie wie eine Art Klassentreffen. „Da kommen alle Freunde zusammen, auch die, die man seit dem letzten Festival nicht mehr gesehen hat. Das ist schön.“

Familienfreundliches Reggae Jam

Ich bin beeindrucht, dass alle Besucher, mit denen ich gesprochen habe, seit Jahren zum Reggae Jam kommen, kann es aber auch verstehen. Ich selbst war 2003 zum ersten Mal hier und das bis auf wenige Ausnahmen auch durchgängig. Einige meiner Freunde sind bereits Eltern geworden und kommen trotzdem – mit ihren Kindern. Denn auch das zeichnet dieses Festival aus: Ein familienfreundliches Konzept mit Family-Campingplatz und Angeboten für Kinder.
Egal ob man auf Musik, karibische Cocktails und exotisches Essen steht oder einfach nur einen entspannten Tag mit der Familie verbringen will: Hier gibt es für wirklich jeden etwas zu entdecken und die gute Stimmung ist absolut ansteckend – versprochen.

Wolfgang Alexander Meyer

Wolfgang Alexander Meyer, Jahrgang 84, aus dem Osnabrücker Land, steht auf gute Geschichten und hofft, dass seine eigene Geschichte die beste sein wird: "Ich habe erst in Hannover und dann in Leipzig Biologie und Deutsch studiert und wäre fast Gymnasiallehrer geworden. Mit einem Abstecher über ein Callcenter bin ich dann bei der Nordwest Zeitung gelandet und habe gelernt, dass Umwege sich lohnen, weil sie die Ortskenntnis erhöhen..."

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