Nordisch leben

Abtauchen in eine andere Welt: Otakus und Cosplayer erobern Oldenburg

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Den Blicken nach zu urteilen, sind sich einige Passanten auf dem Schlossplatz in Oldenburg nicht ganz sicher, was sie gerade erleben. Kein Wunder, tummeln sich doch martialische Gestalten neben riesigen Bären und unschuldig dreinschauenden Schulmädchen. „Es ist wie Karneval, nur das ganze Jahr über“, sagt Jan Wildermann (24) und lacht. Doch ganz so einfach ist die Sache nicht, denn die über 200 jungen Leute, die sich am Samstag in Oldenburg trafen, sind allesamt: Cosplayer.

Zur Erklärung: Wikipedia definiert Cosplay, ein Kofferwort aus „costume“ (Kostüm) und „play“ (Spiel) wie folgt: „Beim Cosplay stellt der Teilnehmer einen Charakter, zum Beispiel einen Superhelden oder einen Bösewicht, durch Kostüm, Maske, Accessoires und Verhalten möglichst nah am Original dar. Die Figur kann dabei aus einem Manga, einem Anime, einem Comic, einem Videospiel oder einem Spielfilm stammen.“ Also doch so ein bisschen wie Karneval, aber doch so viel mehr.

Mal jemand anderes sein

„Es macht einfach Spaß, für ein paar Stunden jemand anderes zu sein“, erklärt Jan Wildermann, der seit vier Jahren der Cosplay-Szene angehört und zu den Organisatoren des „Oldenburg Otaku Treffs“ (OOT) gehört. Otaku, das ist im japanischen ein Schimpfwort, in Deutschland hat es sich aber als Begriff für die Fans japanischer Comics und Zeichentrickserien – so genannter Animes – entwickelt. „Man könnte es mit dem Begriff ,Nerd’ vergleichen“, erklärt Jan Wildermann. Und diese Otakus gibt es in der Region und darüber hinaus jede Menge. „Viele, auch ich, haben dabei mehr als nur ein Kostüm“, sagt Carina Eilers (21), die Freundin von Jan Wildermann. Seit einem Jahr leben die beiden zusammen in Oldenburg, kennengelernt haben sie sich auf einem der OOTs.

„Erlaubt ist, was Spaß macht und nicht gegen Gesetze verstößt“, sagt Jan Wildermann – und das Bild auf dem Schlossplatz bestätigt diese Aussage. Selbst für Eingeweihte ist es schwierig, alle Kostüme zuzuordnen. Manches erkennt man, wie das Star-Wars-Kostüm von Jan Wildermann. Andere, wie die Comic-Figuren „Deathstroke“ oder „Sailor Moon“ sind bestimmten Generationen vielleicht auch noch bekannt. Aber wenn es dann um Anime-Serien wie „Black Butler“ geht, muss man schon tiefer in die Szene einsteigen.

Zunehmende Beliebtheit

Das fällt aber nicht schwer, wenn man die Cosplayer einfach anspricht. „Eigentlich sind wir wie eine große Familie“, sagt Jan Wildermann, „und wir erklären auch gerne, was wir hier tun.“ Tatsächlich fragen auch einige Passanten die Teilnehmer des Treffens, was die Kostüme zu bedeuten hätten oder warum sie das machen. Und es werden jede Menge Fotos gemacht, sowohl von den Teilnehmern untereinander als auch durch Passanten. „Das gehört dazu und ist auch eine schöne Wertschätzung“, sagt Carina Eilers.


Seit ungefähr Mitte der 1990er Jahren erfreuen sich Cosplays in Deutschland einer stetig wachsenden Beliebtheit. Die Kostüme werden immer ausgefallener und die Cosplayer tragen sie mit zunehmendem Stolz. „Manches kauft man sich, aber früher oder später fangen die meisten an, die Kostüme selbst zu basteln“, weiß Jan Wildermann. So auch die 15-jährige Rabea, die als der Computerspiel-Held Link am Treffen teilnimmt. „Ich finde den Charakter einfach cool. Und ich kann fast alles selbst basteln.“ Wer sich etwas auskennt, dem ist aufgefallen: Link ist männlich, Rabea aber weiblich. „Wer hat gesagt, dass das verboten ist?“, sagt Carina Eilers. „Jeder darf sein, wer wer will!“ Das müsse zwar manchmal erklärt werden, aber gerade auch das Spiel mit den Geschlechtern sei für einige der Reiz am Cosplay. Und das altersübergreifend: Zwar bewegen sich die Teilnehmer der Treffen in Oldenburg meist so zwischen 15 und 25, aber auf größeren Treffen wie dem Japan-Tag in Düsseldorf ist die Bandbreite höher. „Viele mögen halt diesen kurzen Ausbruch aus dem Alltag“, sagt Carina Eilers.

Viel Arbeit investiert

Ja, der Alltag: Im „echten“ Leben ist Carina Eilers Auszubildende zur Tierpflegerin, Jan Wildermann ist Elektriker. „Cosplay ist ein Hobby“, sind sich beide einig. Und wie jedes Hobby, kann man mehr oder weniger investieren. Je genauer man die Definition, vor allem den Teil mit „möglichst nah am Original“, nimmt, desto mehr Zeit und Geld lassen sich investieren. Aber auch da greift die große Familie: „Irgendjemand hat immer einen Tipp, wie man etwas basteln oder nähen kann“, sagt Jan Wildermann. Oder zumindest, wo man sich passende Kostümteile kaufen kann.

In den Kostümen stecken teilweise hunderte Arbeitsstunden und hunderte Euro. Für die Teilnehmer des „Oldenburg Otaku Treffs“ (OOT) sind die Treffen wie das Wiedersehen mit der großen Familie. Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt: Von Anime-Kostümierungen bis hin zu Charakteren aus Computerspielen oder Filmen ist alles dabei.

Wie viel Arbeit man investieren kann? „In meiner Rüstung stecken rund 200 Arbeitsstunden“, erklärt Jan Wildermann. Recherche, Trocknungszeiten und Wartezeiten nicht eingeschlossen. Allein bis zur ersten Präsentation seines Mandalorianischen Kopfgeldjägers hat es ein halbes Jahr gedauert. „Seit zwei Jahren baue ich jetzt an der Rüstung“, so Jan Wildermann. „Ich ich bin noch nicht fertig.“ 1000 Euro hat er ungefähr schon investiert. „Aber jede Person die aufgrund der Rüstung lächelt und sich freut, ist mir das wert.“

Cosplay als Entspannung

Es sind aber nicht immer Charaktere aus Spielen, Film oder Comics. Manche stellen auch ihr eigenes „alter ego“ dar. Jan Wildermann gehört dazu, er orientiert sich zwar an den Vorgaben des Star-Wars-Universums, spielt aber keine schon existente Figur. Auch Annika (21) aus dem Landkreis Wittmund nimmt zwar ab und an am Otaku-Treff teil, kostümiert sich dann aber als „Asta“, ihre Auelfe aus dem Rollenspiel „Das Schwarze Auge“. „Ich mag es einfach, in Kostüme zu schlüpfen.“
Während des Otaku-Treffs hat man selbst als „Unbeteiligter“ tatsächlich stets das Gefühl, Teil einer offenen und großen Familie zu sein. Überall wird gelacht und die Entspanntheit ist fast greifbar. „Cosplay sorgt einfach dafür, dass man sich besser fühlt“, ist sich Marie (20) aus Varel sicher. Die Chemielaborantin hat gleich mehrere Cosplays im Schrank hängen und genießt „die aufgeschlossene und tolle Atmosphäre“ auf den Treffen.

Treffen offen für alle

Das nächste Mal wollen sich die Cosplayer im Mai in Oldenburg treffen. Wer sich informieren will, der findet alle nötigen Angaben – von Datum und Uhrzeit bis hin zu den Versammlungsregeln – auf der Facebook-Seite der Gemeinschaft: Der Oldenburg Otaku Treff bei Facebook. Die treffen sind grundsätzlich für Cosplayer und Interessierte offen.

Bilder vom Otaku-Treffen

Genug des Textes! Hier die Bilder 😉 (alle: Claus Hock)

Claus Arne Hock

Jahrgang 1982; Journalist mit Migränehintergrund; Die Kanzlerin hat mir nie ihr Vertrauen ausgesprochen; Volontär in der Presseagentur GanterMedia (Ganderkesee); Musikbegeisterter Film- und Comicfan.